Ortsteil Reichelsheim / Reichelsheim und die Pest: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Historisches Reichelsheim
 
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Die Pest tritt in zwei Varianten auf: Die Lungenpest, welche in den häufigsten Fällen durch Tröpfcheninfektion übertragen wird und die Peulenpest, deren Krankheitsträger Nagetiere sind und deren infizierte Flöhe beim Biss eines Menschen zur Übertragung führt.
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Die Pest tritt in zwei Varianten auf: Die Beulenpest, deren Krankheitsträger Nagetiere, wie Ratten und Murmeltiere sind und deren infizierte Flöhe beim Biss eines Menschen zur Übertragung führt und die Lungenpest, welche in den häufigsten Fällen durch Tröpfcheninfektion übertragen wird.
*Bei der Lungenpest beträgt die Inkubationszeit zwischen einem und drei Tagen. Im letzten Stadium der Erkrankung tritt blutiger Husten auf. Erst dann besteht für andere Menschen Ansteckungsgefahr. Nach wenigen Tagen schon kommt es zum Kreislaufversagen mit Todesfolge.
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*Beulenpest: Die Inkubationszeit nach einem Flohstich kann von wenigen Stunden, bis zu einer Woche variieren. Im Bereich des Flohstichs entzünden sich die Lymphgefäße und die Lymphknoten. Die entzündeten Lymphknoten schwellen zu äußerst schmerzhaften eitrigen Beulen an. Brechen diese Beulen auf und die Bakterien gelangen in die Blutbahn, kann es zur Blutvergiftung kommen. Auch können sich dadurch die Erreger auf andere Organe verteilen und es kann sich daraus auch durchaus eine Lungenpest entwickeln. Die Erreger können Hautblutungen am ganzen Körper verursachen. Die betroffenen Partien verfärben sich und die Haut stirbt schließlich ab. Im Gegensatz zur Lungenpest besteht bei der Beulenpest in Abhängigkeit der Schwere des Krankheitsverlaufes und bei entsprechender Behandlung eine Chance der Genesung. Menschen die eine Pesterkrankung überstanden haben sind in der Folge weitestgehend dagegen immun.
*Beulenpest: Die Inkubationszeit nach einem Flohstich kann von wenigen Stunden, bis zu einer Woche variieren. Im Bereich des Flohstichs entzünden sich die Lymphgefäße und die Lymphknoten. Die entzündeten Lymphknoten schwellen zu äußerst schmerzhaften eitrigen Beulen an. Brechen diese Beulen auf und die Bakterien gelangen in die Blutbahn, kann es zur Blutvergiftung kommen. Auch können sich dadurch die Erreger auf andere Organe verteilen und es kann sich daraus auch durchaus eine Lungenpest entwickeln. Die Erreger können Hautblutungen am ganzen Körper verursachen. Die betroffenen Partien verfärben sich und die Haut stirbt schließlich ab.
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*Bei der Lungenpest beträgt die Inkubationszeit zwischen einem und drei Tagen. Im letzten Stadium der Erkrankung tritt blutiger Husten auf, dann besteht für andere Menschen die größte Ansteckungsgefahr. Innerhalb weniger Tage kommt es bei den Betroffenen zum Kreislaufversagen mit Todesfolge.
 
 
  
  
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Anhand der Sterbeeinträge wissen wir zumindest, in welchen Jahren die Pest in unserer Gegend akut war und wie viele Todesopfer zu beklagen waren.
 
Anhand der Sterbeeinträge wissen wir zumindest, in welchen Jahren die Pest in unserer Gegend akut war und wie viele Todesopfer zu beklagen waren.
  
So sind von August 1582 bis Februar 1583 insgesamt 54 Todesfälle mit dem Vermerk Pest in den Sterbebüchern verzeichnet.
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So sind in Reichelsheim von '''August 1582 bis Februar 1583''' insgesamt 54 Todesfälle mit dem Vermerk Pest in den Sterbebüchern verzeichnet.
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'''In 1613''' gab es im Januar und Februar einige wenige Sterbefälle. In den Monaten März bis Juni sind keine Einträge zu Pestopfern vermerkt. Von Juli an bis in den November hinein wurden die Einträger immer häufiger. Insgesamt fielen in diesem Jahr - laut Sterbebuch - 127 Einwohner der Pest zum Opfer.
  
In 1613 gab es im Januar und Februar einige wenige Sterbefälle. In den Monaten März bis Juni sind keine Einträge zu Pestopfern vermerkt. Von Juli an bis in den November hinein wurden die Einträger immer häufiger. Insgesamt fielen in diesem Jahr - laut Sterbebuch - 127 Einwohner der Pest zum Opfer.
 
  
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Während des 30-jährigen Krieges (1618-1648) ist in Deutschland mehrfach die Pest wieder ausgebrochen. Neben dem Krieg brachte die Pest immer wieder verderben und Leid. In der großen Hungersnot hatte man es nicht so mit der Hygiene und unhygienische Lebensverhältnisse begünstigten die Verbreitung. Die Menschen aßen alles - wenn der Hunger arg groß war auch dann, wenn es schon verdorben war. Viele Leute waren schwach und Kränklich - der Erreger des Schwarzen Todes hatte leichtes Spiel. Die damals unwissenden und abergläubischen Menschen konnten dem Erreger praktisch nichts entgegensetzen.
  
Während des 30-jährigen Krieges (1618-1648) ist in Deutschland mehrfach die Pest wieder ausgebrochen. Neben dem Krieg brachte die Pest immer wieder verderben und Leid. In der großen Hungersnot hatte man es nicht so mit der Hygiene und unhygienische Lebensverhältnisse begünstigten die Verbreitung. Die Menschen aßen alles - wenn der Hunger arg groß war auch dann, wenn es schon verdorben war. Die Leute waren schwach und Kränklich - der Erreger des Schwarzen Todes hatte leichtes Spiel. Die damals unwissenden und abergläubischen Menschen konnten dem Erreger praktisch nichts entgegensetzen.  
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Reichelsheim wurde '''während des 30jährigen Krieges im Jahr 1627''' von der Pest heimgesucht - dieses mal so schlimm wie nie zuvor. Von Ende Januar 1627 an waren jeden Monat Pestopfer zu beklagen. Die meisten Todesfälle wurden in den Monaten Sept./Okt./Nov 1627 notiert. Von Januar 1627 bis März 1628 wurden im Sterbebuch 187 Todesfälle mit dem Zusatz "Pest" eingetragen.
  
Reichelsheim wurde 1627 von der Pest heimgesucht - dieses mal so schlimm wie nie zuvor. Von Ende Januar 1627 an waren jeden Monat Pestopfer zu beklagen. Die meisten Todesfälle wurden in den Monaten Sept./Okt./Nov 1627 notiert. Von Januar 1627 bis März 1628 wurden im Sterbebuch 187 Todesfälle mit dem Zusatz "Pest" eingetragen.
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Die Einwohnerzahlen von Reichelsheim in den Jahren 1626 bis 1628 sind leider nirgends niedergeschrieben. Man kann aber davon ausgehen, daß zu dieser Zeit, schon alleine bedingt durch den Krieg, kaum mehr als 400 ... max. 500 Menschen hier lebten. Die Pest hatte demnach gut ein Drittel der Reichelsheimer Bevölkerung dahingerafft.
  
Die Einwohnerzahlen von Reichelsheim in den Jahren 1626 bis 1628 sind leider nirgends niedergeschrieben. Man kann aber davon ausgehen, daß zu dieser Zeit, schon alleine bedingt durch den Krieg, kaum mehr als 400 - 500 Menschen hier lebten. Die Pest hatte demnach gut ein Drittel der Reichelsheimer Bevölkerung dahingerafft.
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'''Ein einzelnes Pestopfer ist aus dem Jahr 1679 überliefert''': Cattarin Karp, geb. Schmit soll im 59. Lebensjahr am 30.Juni 1679 an der Pest verstorben sein.
  
  
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http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/rosina-boche-gest-1659.html
 
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Rhm Gedenkstein1 Friedhof.jpg|sandsteinerne Tafel in der Friedhofsmauer - der Überlieferung nach zum Gedenken der Pestopfer
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[[Kategorie:Ortsteil Reichelsheim|Pest]]
 
[[Kategorie:Ortsteil Reichelsheim|Pest]]

Aktuelle Version vom 14. Dezember 2021, 01:19 Uhr

Die Pest tritt in zwei Varianten auf: Die Beulenpest, deren Krankheitsträger Nagetiere, wie Ratten und Murmeltiere sind und deren infizierte Flöhe beim Biss eines Menschen zur Übertragung führt und die Lungenpest, welche in den häufigsten Fällen durch Tröpfcheninfektion übertragen wird.

  • Beulenpest: Die Inkubationszeit nach einem Flohstich kann von wenigen Stunden, bis zu einer Woche variieren. Im Bereich des Flohstichs entzünden sich die Lymphgefäße und die Lymphknoten. Die entzündeten Lymphknoten schwellen zu äußerst schmerzhaften eitrigen Beulen an. Brechen diese Beulen auf und die Bakterien gelangen in die Blutbahn, kann es zur Blutvergiftung kommen. Auch können sich dadurch die Erreger auf andere Organe verteilen und es kann sich daraus auch durchaus eine Lungenpest entwickeln. Die Erreger können Hautblutungen am ganzen Körper verursachen. Die betroffenen Partien verfärben sich und die Haut stirbt schließlich ab. Im Gegensatz zur Lungenpest besteht bei der Beulenpest in Abhängigkeit der Schwere des Krankheitsverlaufes und bei entsprechender Behandlung eine Chance der Genesung. Menschen die eine Pesterkrankung überstanden haben sind in der Folge weitestgehend dagegen immun.
  • Bei der Lungenpest beträgt die Inkubationszeit zwischen einem und drei Tagen. Im letzten Stadium der Erkrankung tritt blutiger Husten auf, dann besteht für andere Menschen die größte Ansteckungsgefahr. Innerhalb weniger Tage kommt es bei den Betroffenen zum Kreislaufversagen mit Todesfolge.


1348 - 1362 wütete in Europa die Pest - so steht es zumindest in allen Geschichtsbüchern - so auch ganz sicher in Reichelsheim.
Allerdings ist dies in keiner Quelle belegt. Vermutet wird, daß in ganz Europa etwa 30% der Bevölkerung durch den Schwarzen Tod dahingerafft wurde. Mancherorts war mehr betroffen - mancher weniger. In 1356 wurde z.B. in Frankfurt a. M. eine Pestepidemie dokumentiert.

Seit dem ersten evangelischen Pfarrer in Reichelsheim (etwa 1532) existieren Aufzeichnungen, die uns heute etwas über die Geschichte unseres Ortes verraten. Es ist nicht all zu viel über den Verlauf der Pest in Reichelsheim bekannt. Dank der Kirchenbücher sind jedoch einige Daten überliefert.

Anhand der Sterbeeinträge wissen wir zumindest, in welchen Jahren die Pest in unserer Gegend akut war und wie viele Todesopfer zu beklagen waren.

So sind in Reichelsheim von August 1582 bis Februar 1583 insgesamt 54 Todesfälle mit dem Vermerk Pest in den Sterbebüchern verzeichnet.

In 1613 gab es im Januar und Februar einige wenige Sterbefälle. In den Monaten März bis Juni sind keine Einträge zu Pestopfern vermerkt. Von Juli an bis in den November hinein wurden die Einträger immer häufiger. Insgesamt fielen in diesem Jahr - laut Sterbebuch - 127 Einwohner der Pest zum Opfer.


Während des 30-jährigen Krieges (1618-1648) ist in Deutschland mehrfach die Pest wieder ausgebrochen. Neben dem Krieg brachte die Pest immer wieder verderben und Leid. In der großen Hungersnot hatte man es nicht so mit der Hygiene und unhygienische Lebensverhältnisse begünstigten die Verbreitung. Die Menschen aßen alles - wenn der Hunger arg groß war auch dann, wenn es schon verdorben war. Viele Leute waren schwach und Kränklich - der Erreger des Schwarzen Todes hatte leichtes Spiel. Die damals unwissenden und abergläubischen Menschen konnten dem Erreger praktisch nichts entgegensetzen.

Reichelsheim wurde während des 30jährigen Krieges im Jahr 1627 von der Pest heimgesucht - dieses mal so schlimm wie nie zuvor. Von Ende Januar 1627 an waren jeden Monat Pestopfer zu beklagen. Die meisten Todesfälle wurden in den Monaten Sept./Okt./Nov 1627 notiert. Von Januar 1627 bis März 1628 wurden im Sterbebuch 187 Todesfälle mit dem Zusatz "Pest" eingetragen.

Die Einwohnerzahlen von Reichelsheim in den Jahren 1626 bis 1628 sind leider nirgends niedergeschrieben. Man kann aber davon ausgehen, daß zu dieser Zeit, schon alleine bedingt durch den Krieg, kaum mehr als 400 ... max. 500 Menschen hier lebten. Die Pest hatte demnach gut ein Drittel der Reichelsheimer Bevölkerung dahingerafft.

Ein einzelnes Pestopfer ist aus dem Jahr 1679 überliefert: Cattarin Karp, geb. Schmit soll im 59. Lebensjahr am 30.Juni 1679 an der Pest verstorben sein.


Interessant ist, wenn man in den Geschichtsbüchern unserer Nachbargemeinden blättert, daß die Pest dort in anderen Jahren ausgebrochen ist als bei uns in Reichelsheim. Die Pest breitete sich über weite Teile des Landes aus, brach aber zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten aus. In Nidda z.B. schien die Pest in 1555 sehr schlimm gewesen zu sein. Noch schlimmer in 1635 - Nidda verlor etwa 45 Prozent seiner Bevölkerung. (Friedrich H. Weber, Bestattungen Auswärtiger in Nidda im Pestjahr 1635, in: Hessische Familienkunde 3 (1954/56), Sp. 529ff.)


interessanter Artikel zur Pest

http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/rosina-boche-gest-1659.html


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