Ortsteil Reichelsheim / Friedhof

Aus Historisches Reichelsheim

Der alte Reichelsheimer Friedhof war auf dem Kirchhof angelegt. Insofern hatte der Begriff Friedhof, Kirchhof oder auch Totenhof die gleiche Bedeutung.

Dort wo heute noch ein kleiner Rest der alten Kirchmauer zu erkennen ist, war früher eine mit Schießscharten versehene hohe Ringmauer mit mehreren Türmen.
Dieser alte Friedhof und der letzte Rest eines Turmes an der Südostseite der Kirche ist laut einem Eintrag im Kirchenbuch in den 1860er Jahren endgültig abgetragen worden.

Die "aufrechten" Bürger der Gemeinde wurden seit jeher rund um die Kirche auf dem Totenhof - die Mitglieder der Herrschaftsfamilie auch innerhalb der Kirche beigesetzt. Diesen Anspruch machten z.B. der Fürst Heinrich zu Schwarzburg-Sondershausen und der Graf Johann Ludwig von Nassau-Ottweiler geltend.

Im Juni 1668 bestattete Pfarrer Frech seinen ertrunkenen Sohn sogar vor dem Pfarrstuhl.

So blieben die Verstorbenen immer im Gedächtnis ihrer Angehörigen und der Gemeinde, weil man beim Kirchgang regelmäßig an ihren Gräbern vorbei schritt.

Vor den Toren wurden nur diejenigen unter die Erde gebracht, die wegen eines tatsächlichen oder angenommenen Verbrechens gegen die menschlich-christliche Gemeinschaft verstoßen worden waren.

Doch durch das starke Bevölkerungswachstum im 18.Jh. waren die Kirchhöfe oft überbelegt, und die dadurch verursachten Mehrfachbelegungen führten zu einem hygienisch bedenklichen Zustand.

Alleine in den schlimmsten Jahren der Pest 1613 (127 Todesopfer laut Kirchenbuch) und 1627 (187 Todesopfer laut Kirchenbuch) waren in kürzester Zeit so viele Gemeindemitglieder zu bestatten, daß davon auszugehen ist, daß es für diese Menschen außerhalb der alten Stadtmauern eine Grabstätte gegeben haben muß.

Die neuen Friedhöfe konnten aus Platzgründen meist nicht mehr innerhalb der Ortschaften angelegt werden, was sicherlich nicht so einfach umzusetzen war. Es mußte ein Umdenken stattfinden. Jetzt auf einmal sollten alle außerhalb der Kirchmauern - außerhalb ihrer Kirchgemeinde bestattet werden.
Den Kirchhof als Begräbnisstätte aufgeben müssen ... alte, möglicherweise Jahrhunderte lang bestehende Rituale waren nun nicht mehr durchführbar.

Der neue Friedhof außerhalb der (zu dieser Zeit teils nicht mehr vorhandenen) Stadtmauern wurde vor dem letzten noch erhaltenen westlichen Stadttor angelegt. Diesem Umstand ist es womöglich zu verdanken, daß dieses Tor heute noch existiert. Seither wird das einstige Stadttor nun Friedhofstor genannt. Zu welcher Zeit dieser Friedhof angelegt wurde ist unbekannt. Evtl. erfahren wir etwas darüber, wenn zufällig jemand in den alten Reichelsheimer Akten darauf stößt. In der ältesten noch vorhanden Kartierung, ein "Geometrischer Plan des Fleckens Reichelsheim" aus dem Jahr 1761 ist der heutige Friedhof bereits eingezeichnet .

Der erste Teil des neuen/alten Friedhofes reichte bis zum Haingraben - dem wasserführenden Schutzgraben.

Die Friedhofsmauern im vorderen Teil sind etwas dicker und mit Sandsteinplatten abgedeckt - teilweise sind auf diesen Platten Gravuren oder Inschriften erkennbar. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang zwischen dem Abtragen der alten Kirchhofummauerung und dem Bau der Friedhofsmauer. Evtl. wurden diese Steine, als auch alte Grabplatten zum Bau der Friedhofsmauer verwendet. Jahre später, nachdem auch der Haingraben aufgefüllt wurde, ist der Friedhof bis zum Feuergrabenweg erweitert worden. Diese Mauern sind etwas schlanker und haben eine Abdeckung aus Ziegelsteinen.

Diese Erweiterung ist offensichtlich die Folge eines von Napoleon verfügten Erlasses vom 23 prairial an XII (12. Juni 1804) ... zuerst in Frankreich und dann auch in allen französisch besetzten Ländern:
Dieses Dekret führte zu einer umfassenden und nachhaltigen Änderung des Bestattungswesens. Es durften keine Beerdigungen mehr innerhalb der Ortschaften stattfinden. Die neuen Friedhöfe sollten in rechteckiger Form jenseits der Ortsgrenze von einer Mauer umgeben errichtet werden. Die Begräbnisse sollten der Reihe nach in einem Einzelgrab und nicht mehr übereinander erfolgen. Auch die Mindestmaße für die Grabbreite und Tiefe sowie die Grababstände gab das Dekret explizit vor.

Das erste Grab auf dem "neuen" Friedhof in Reichelsheim wurde im Januar 1806 belegt.
Im Sterberegister unserer Kirchenchronik ist zu lesen:
22. Jan 1806 NB[1] Auf dem Begräbnisplatz - der Reihe nach beerdigt. Johann Wilhelm Ulrich, Bürger, starb an einem Katarrhalsfieber[2]und ward auf bescheinigte Besichtigung früher begraben und war der erste, der in die neue Begräbnisstätte beerdigt wurde.

Im Familienbuch von Reichelsheim findet man den dazugehörigen Eintrag:

Ulrich, Johann Wilhelm von Beruf Leineweber, geboren am 28.02.1733, gestorben am 20.01.1806 mit 72 Jahren, 10 Monaten und 20 Tagen, begraben am 22.01.1806


  • Erweiterung und Neuanlage von Friedhöfen zu Dorn-Assenheim und Reichelsheim/Wetterau (nicht digitalisierte Akte im Staatsarchiv)
  • 1877 wird im Brandkataster ein Schoppen für die Totenbahre mit aufgenommen
  • im Juli 1911 wird eine Friedhofordnung verabschiedet
  • Nach dem ersten Weltkrieg stiftet der Verein ehemaliger Frontkämpfer seinen gefallenen Kameraden ein Ehrenmal auf dem Friedhof.
  • 1928 schreibt der hiesige Pfarrer in den Reichelsheimer Heimatglocken (Kirchenzeitschrift), daß es eine zwingende Notwendigkeit ist, die Beschaffung eines Leichenwagens baldigst in die Wege zu leiten. Es ist nicht mehr zeitgemäß, daß die Särge von Männern nach dem Friedhof getragen werden.
  • 1948 wird eine kleine Trauerhalle gebaut. Bis dahin war es üblich, daß die Verstorbenen zuhause entweder in deren Wohnung oder in einem Schoppen oder auch - wenn vorhanden - in der Tenne aufgebahrt wurden.
  • in 1958 ließ die Ortsgruppe Reichelsheim des 1950 bundesweit gegründeten Verbandes der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen das o.g. Ehrenmal der ehem. Frontkämpfer um die Tafeln der im zweiten Weltkrieg Vermissten und Gefallenen erweitern.
  • 1966 wurde der Friedhof über den Feuergrabenweg hinweg in Richtung Westen auf nahezu die doppelte Fläche erweitert. Auf dem "jetzt aktuell neuen" Friedhof wurde eine neue, deutlich größere Trauerhalle errichtet.


Anmerkungen

  1. nota bene = übrigens oder auch wohlgemerkt
  2. Dieses Katarrhalsfieber ist nicht mit der fast gleichlautenden Viruserkrankung Katarrhalfieber (geschrieben ohne s) zu verwechseln, denn diese wurde erstmals im Jahre 1877 beobachtet und betrifft nur Paarhufer bzw. Wiederkäuer wie Rinder und Schafe.
    Über Katarrhalsfieber, als epidemische aus dem englischen kommende Krankheit wird dagegen schon in der "Samlung von Beobachtungen aus der Arzneygelahrheit und Naturkunde Band 4" von Johann Augustin Philipp Gesner aus dem Jahr 1773 berichtet.


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