Ortsteil Beienheim / Die jüdische Gemeinde

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In Beienheim lebten nur wenige jüdische Familien. Der erste Nachweis jüdischer Einwohner in Beienheim ist aus dem Jahr 1811 überliefert. Um 1830 gab es in Beienheim 17 jüdische Mitbürger. Die Volkszählung in 1905 wies 24 jüdische Mitbürger nach - trotzdem bildeten sie hier eine autonome Gemeinde mit eigenem Betsaal und legten einen eigenen Friedhof an, dessen Anlage gegen Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte. Zur Abhaltung ihrer Gottesdienste, zu denen eine festgelegte Mindestanzahl mündiger Juden zugegen sein mussten (Minjan)[1], waren sie häufig auf die Anwesenheit auswärtiger Juden angewiesen. Um 1900 lebten vier jüdische Familien im Ort: Gustav Meier, Isaak Meier, Familie Seligmann und Familie Pollack. Die Seligmanns kamen ursprünglich von Höchst an der Nidder nach Beienheim und betrieben hier einen Fourage- und Lebensmittelhandel sowie eine Gastwirtschaft mit dem Namen "zur Deutschen Einheit" (Haus Nr. 4, heute Berliner Str. 22). Die Juden in Beienheim gehörten der Gemeinschaft an und waren Teil des dörflichen Lebens. Sie kämpften gemeinsam für mehr Mitbestimmung der Menschen in der Revolution von 1848 und sie kämpften gemeinsam unter der Fahne des Großherzogs von Hessen Im Preußisch-österreichischen Krieg 1866 als auch im Deutsch-französischen Krieg 1870/71 und wurden für ihre Tapferkeit ausgezeichnet. Auf dem Obelisken an der Evangelischen Kirche ist als Teilnehmer an den Bauernaufständen 1848 der Name Bertold Seligmann, und unter den Gefallenen des Krieges 1870/71 sind die Namen der Brüder Baruch und Moses Schott zu lesen.

In einem, von einer jüdischen Familie bewohnten Haus, gab es diesen besagten Betsaal, der noch bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges regelmäßig genutzt wurde (Haus Nr. 26, heute Berliner Str. 32).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde - mit zunehmendem Antisemitismus - das Leben auf dem Land für Juden immer schwieriger, deshalb zogen die meisten Juden bevorzugt in die Anonymität der Städte oder emigrierten in die USA, hoffend, dort ein Leben ohne Nachstellungen führen zu können. Gegen Ende der 1920er Jahre wurde die jüdische Gemeinde in Beienheim aufgelöst - die wenigen in Beienheim verbliebenen schlossen sich der Kultusgemeinde Friedberg an.

In der Zeit der nationalsozialistischen Machthabung wurden die Juden in Deutschland und später in allen deutsch besetzten Gebieten systematisch verfolgt. Im Verlaufe des Krieges wurde ein Großteil der in Europa lebenden Juden durch das Regime ermordet. Laut der zentralen Datenbank der Namen der Holocaustopfer wurden 9 in Beienheim geborene Juden hingerichtet - so der Stand im November 2021 - (siehe Yad Vashem)

Die letzten Beisetzungen auf dem jüdischen Friedhof in Beienheim waren: Berthold Seligmann (gest. 1971) welcher sich nach seinem Tode in seinem Geburtsort bestatten lies und Frieda Seligmann (gest. 1977), die nach Ende des 2. Weltkrieges wieder in ihre "alte Heimat" zurückkehrte und dort bis zu ihrem Tod lebte.


Links

Der jüdische Friedhof in Beienheim auf der Seite http://www.alemannia-judaica.de

Einzelnachweise

  1. Minjan (hebräisch מנין ) ist im Judentum das Quorum von zehn oder mehr im religiösen Sinne mündigen Juden, welches nötig ist, um einen vollständigen jüdischen Gottesdienst abzuhalten. siehe --> www.juedische-allgemeine.de