Ortsteil Reichelsheim / Mühle

Aus Historisches Reichelsheim
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Die Reichelsheimer Mühle - eine Gedankensammlung von Irene Fleischhauer
(Artikel wird fortgesetzt und ist nur von autorisierten Nutzern editierbar)

Die Reichelsheimer Mühle ca 1910 - Marie Bopp mit fünf ihrer acht Kinder.
Die Reichelsheimer Mühle? Wo ist die denn? Das wird der eine oder die andere aus Reichelsheim fragen. Weder optisch noch bewusstseinsmäßig ist dieses Anwesen heute noch in der Vorstellung der Bevölkerung präsent.

Lediglich die Straßenbezeichnung Im Mühlahl weist darauf hin, dass hier eine Mühle gewesen sein muss. Für Jahrhunderte war die Mühle neben Kirche Rathaus und Amtshaus das stattlichste Gebäude in Reichelsheim.

Es wird vermutet, dass sie im frühen Mittelalter am Rande einer Siedlung lag, die später wüst gefallen ist und deren Existenz heute noch durch den Flur- später Straßennamen Im Alten Dorf dokumentiert wird.

Das alte Reichelsheim mit seiner Stadtmauer endete im Norden vor der heutigen Bad Nauheimer Straße. Die Mühle lag also ziemlich außerhalb. Das Mühlenanwesen bestand – so liest man in alten Dokumenten – aus dem Beutlerschen Hofgut und der Bannmühle Reichelsheim.

Seit Kaiser Barbarossas Zeiten gab es den sogenannten Mühlenbann. Das heißt, die Bewohner eines Dorfes oder mehrerer Dörfer mussten ihr Getreide in einer bestimmten Mühle malen lassen. Sie durften zu keiner anderen Mühle gehen, sie waren an diese Mühle gebannt. (Mühlenbann in Reichelsheim wurde 1869 aufgehoben; siehe Akte im Stadtarchiv Abt XXVI Konv 25 Fasz 15)

Der Wasserlauf – in unserem Falle die Horloff – gehörte dem Landesherren. Reichelsheim war nassauisch. Der Herzog von Nassau – Weilburg war die Behörde, an die sich der Müller wenden musste, wenn es Dinge zu klären und Auseinandersetzungen auszufechten galt.

Nach dem Krieg 1866, dem „Bruderkrieg“ im Deutschen Bund zwischen Preußen und Österreich, wurde Nassau aufgelöst, weil das Herzogtum dummerweise dem Kaisertum Österreichs die Treue hielt und sich somit auf die Verliererseite gestellt hatte. Reichelsheim wurde also preußisch und hatte ab dann den Großherzog von Hessen - Darmstadt als unmittelbaren Landesherren. Die Bittschriften wurden seitdem nicht mehr nach Weilburg, sondern nach Darmstadt gerichtet.

Grundsätzlich bedeuteten diese Besitzverhältnisse, dass alles, was an der Mühle und am Wasserlauf zu tun war, „untertänigst“ erbeten werden und von der „hochwohlgeborenen“ Herrschaft genehmigt werden musste.

In den Archiven – in unserem Falle im Stadtarchiv Reichelsheim und dem Landesarchiv in Darmstadt – liegen hochinteressante Dokumente über die Mühle zu Reichelsheim.

hineinprojeziert in die Bebauungssituation von ca 2000
Katasterplan von 1898

Ein unglückliches Schicksal, dass sich Reichelsheim in keiner Weise für die Mühle interessierte um das stattlich Anwesen zu erhalten. Nicht nur als Mühle, sondern auch als Bauernhof gab es doch kein Vergleichbares Anwesen am Ort. (siehe Ausschnitt Katasterplan 1898)

Technische Entwicklungen und familiäre Misswirtschaft hatten dazu geführt, dass die Reichelsheimer Mühle an einen Investor verkauft worden war, der als erstes die stattlichen Nebengebäude abreißen ließ.

Anbauten am Haupthaus, Einzel- und Reihenhäuser auf dem Hofland, Fällung mächtiger Bäume usw. haben dazu beigetragen, dass der Charakter der Anlage nicht mehr erkennbar ist.

Vielleicht findet sich ja jemand, der bereit und in der Lage ist, sich mit der Fülle der Dokumente über die Reichelsheimer Mühle auseinanderzusetzen.

Es ist hochinteressant, z. B. über die Streitigkeiten zwischen den Müllern von Reichelsheim und Bingenheim zu lesen, die bis zu handfesten Prügeleien ausarteten.

Das nassauische Reichelsheim war umgeben von solmsischen Ortschaften. Es gab schon im frühen 19ten Jahrhundert Bestrebungen, eine Verbindung von Bingenheim nach Florstadt zu graben, was den Reichelsheimer Müller buchstäblich im Trockenen sitzen ließ.

Letztendlich wurden diese Projekte auch durchgeführt, was die Existenz der heutigen „Neubach“ ja erkennen lässt.

An der sehr stark mäandrierenden Horloff zwischen Hungen und Florstadt hat man schon seit dem 18. Jahrhundert Regulierungsversuche vorgenommen, um ein permanentes Flussbett festzulegen und Weideland oder gar Ackerland zu gewinnen.

Der Name Horloff wird in dem 1982 erschienen Buch: 1200 Jahre Echzell erläutert und erklärt. Horloff kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutet soviel wie Sumpfland. Dass es den Menschen gelang, in diesem Gebiet fünf stattliche Mühlen zu etablieren, ist eine bemerkenswerte Leistung

Auch durch den Braunkohlebergbau in diesem Raum wurde der Flusslauf beeinflusst.

Der zu Trockenzeiten immer wieder auftretende Wassermangel brachte die Müller nicht selten in Bedrängnis. Die Bauern brauchten Mehl und Schrot für ihren täglichen Bedarf und die Mühle, an die sie ja 'gebannt' waren, konnte oft nicht mahlen.

Wenn nun die Müller flussaufwärts gelegener Mühlen ihr Wasser stauten, um wenigstens stundenweise zu mahlen, dann kam in Reichelsheim gar nichts mehr an.

Regelrechte Schlägereien zwischen den Müllern und den Bauern und den Müllern untereinander soll es aus den genannten Gründen gegeben haben, wird berichtet.

Die geographische und gesellschaftliche Sonderstellung einer Mühle bedeutet auch eine Sonderstellung für den Müller. Rein juristisch gesehen gehörte die Anlage nicht zur Kommune, sondern dem Landesherren.

Mühlen und Müller waren geheimnisumwittert. Sie befanden sich außerhalb des umfriedeten Dorfraumes, standen in Verbindung mit Unheimlichem, mit Bösem. Man denke an die Teufelsmühle bei Ilbeshausen.

1824 ergeht ein Dekret über die Erteilung eines Konsens zur Veräußerung der Erbleihmühle Reichelsheim nebst dem Beutlerischen Gut an Henrich Bopp - ein Müller aus Echzell - und seiner Reichelsheimer Ehefrau. Henner Bopp (08.04.1787-14.11.1857) hatte die Mühle von einer Familie Eckhold übernommen. Mehrere Generationen blieb die Erbleihmühle von Reichelsheim in den Händen dieser Familie.

Über dem Hauseingang unserer Mühle stand die Jahreszahl 1842 verbunden mit den Initialen H B: Das bedeutet, dass dieses Gebäude in diesem Jahr erneuert oder neu errichtet wurde. Die Bauweise ist vergleichbar mit der der Krötenburgmühle in Nidda, nur etwas bescheidener.

Auf einem Foto, das die Jahreszahl zeigt und das wohl zu Beginn der zwanziger Jahre aufgenommen worden sein muss, sind Mühlsteine vor dem Mühlengebäude zu erkennen (Bild oben links auf dieser Seite).

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurden die Wasserrechte, die dem Landesherren gehört hatten, auf den Staat übertragen, der sie wiederum an den Müller weitergab. Die Familie Bopp erhielt einen Geldbetrag, damit der Wasserlauf instand gehalten und die damit verbundenen Ausgaben ordnungsgemäß durchgeführt werden konnten.

So konnte man sich einen Generator leisten und auch die Wirtschaftsgebäude aufs Modernste herrichten. Trotz dieser positiven Entwicklung begann der Niedergang der Familie schon in den zwanziger Jahren, als der Hoferbe Heinrich Wilhelm Bopp 1926 vierzigjährig starb und familiäre Zwistigkeiten eine geordnete Weiterentwicklung verhinderten. Die in jeder Generation hohe Kinderzahl der Familie und die damit verbundenen Auszahlungen der Geschwister hatten das Hofland bereits beträchtlich schrumpfen lassen.

Viele Schicksalsschläge und auch persönliches Verschulden trieben die Mühle auf den Ruin zu. Schließlich musste alles veräußert werden, und der letzte Müller wurde zum Sozialfall, der im Altersheim in Friedberg starb und ein Armenbegräbnis bekam.


Der Mühlbach, die Wasserstube und die Wehre

Reichelsheimer und Bingenheimer Muehle 1777

Für den reibungslosen Betrieb einer Mühle ist es zwingend notwendig das zufließende und abfließende Wasser kontrollieren - sprich beeinflussen - zu können. Der Wasserstand mußte stimmen, damit das Schaufelrad der Mühle nicht zu wenig und auch nicht zu viel Wasser abbekam. Hierzu gab es oberhalb der Mühle eine sogenannte Wasserstube (ein künstlich angelegtes Becken oder ein kleiner Teich, zum Aufstauen des Wassers und zur Speisung des Mühlgrabens/Mühlbaches) und ein Wehr, womit man den Wasserstand kontrollierte und für dessen Unterhaltung der Müller zuständig war. An jeder Mühle mußte, um das Wasser kontrolliert fließen zu lassen, neben dem Bachlauf ein Mühlgraben angelegt werden, über den das überschüssige Wasser abfließen konnte. Ein festgelegter Wasserpegel am Wehr wurde über Eichpfähle kontrolliert.

1832, als man auf der hessischen Seite der Horloff beginnt einen Entlastungsgraben anzulegen - die spätrere Horloff Flutbach - kommt man nicht umhin, daß sich die Nassauer mit den Hessischen auf eine gemeinsame Wasserregelung einigen. In den Archiven liegt ein Schriftverkehr zwischen den Darmstadt und Nassau zum Bau einer gemeinsamen Wasserstube für die Mühlen Bilgesheim und Reichelsheim vor. Der Reichelsheimer Müller Henrich Bopp ist davon gar nicht angetan, was man seinem Schreiben an die Herzogl. Nassauische General Domanian Direction zu Wiesbaden von 1832 entnehmen kann (siehe Artikel zur Flutbach). Jedenfalls einigte man sich auf ein gemeinsames Projekt bei dem der größte Anteil der Kosten von Nassau getragen wird (werden muß) und überträgt die Wasserrechte auf den Müller der Bilgesheimer Mühle.

Nach dem Bau dieser gemeinsamen Wasserstube wird der Reichelsheimer Mühlgraben - bzw. der eigentliche Horloffarm - überflüssig und mutiert im Laufe der Jahre aufgrund der Vernachlässigung zur, im Volksmund sogenannten Säubach.



zitiert aus Heft Nr. 5 Seite 11ff von Albert Nohl

… Mühlenbesitzer der Bilgesheimer Mühle war jahrhundertelang die Familie Pfeil. Die Pfeils hatten das Amt eines kaiserlichen Wasserrichters inne. Als Wasserrichter hatten sie die Befugnis in Streitfällen um das Wasserrecht einzugreifen und zu entscheiden. Solche Streitfälle gab es immer einmal - wenn auch nicht zu häufig. An der erwähnten Mühle gab es, wie mir Großvater oft erzählte, die sogenannte Wasserstube, eine Einrichtung, wahrscheinlich in Form eines kleinen Teiches, mit der man den Wasserablauf zu den Mühlen etwas regulieren konnte. Für eine Mühle war es wesentlich, daß die zugeführte Wassermenge das Jahr über konstant blieb. Zu viel Wasser oder zu wenig wirkte sich auf die Arbeit der Wasserräderungünstig aus. Daher auch das von dem Mühlenbetrieb abgeleitete Sprichwort: "Des oder jener fürchtet das Hinterwasser." Damit wollte man sagen, daß zuviel Wasserdruck von hinten weit unangenehmer für den Müller war als etwa zu wenig Wasser. Überall wo die Mühlen liegen, hat man einen Mühlengraben, an dem Die Mühle selbst liegt, ein Wehr einen Überlauf oberhalb jeder Mühle, über das die überschüssige Wassermenge abfließen kann. Dies ist der eigentliche Wasserlauf. In ihn mündet wieder unterhalb der Mühle der Mühlengraben. Ein solches Wehr war auch oberhalb der Reichelsheimer Mühle vorhanden. Es nahm das Mehrwasser auf, d.h. dieses floß über das Wehr, daß sich etwa 250m oberhalb der Mühle befand. Das überfließende Wasser hatte ein gutes breites Bett. Sein Lauf ging auf die Straße Bingenheim-Reichelsheim zu, dann unter einer Brücke duch die Straße durch. Der Bachlauf ging neben der Straße her, um dann nach Südwesten abzubiegen und unterhalb der Mühle, nachdem sie den Mühlarm aufgenommen hatte, weiter nach Süden.
Als man den Horloffflutbach gegraben hatte, verlegte man das Wehr, also den Überlauf, 5-600m oberhalb in die Nähe der Bingenheimer Mühle. Diese war zwischenzeitig von der Familie Pfeil stillgelegt worden. Den Wasserzulauf zur Mühle hatte man zugeschüttet. Das Bett des neuen Flutgrabens befand sich viel tiefer als das der eigentlichen Horloff. Der Flutgraben nahm jetzt das Mehrwasser der Horloff im Frühjahr besonders hier schon auf und leitete der Reichelsheimer Mühle durch die Abnahme des Zuviel an Wasser nur das zu, was sie tatsächlich brauchte. Jetzt wurde das alte Wehr vor Sprengels Mühle überflüssig. Das Wehr wurde abgebaut und der Bachlauf, der die Mühle umging, zerfiel, wurde teilweise aufgefüllt, so daß zuletzt nur noch ein schmaler Graben übrig blieb. Das Stück südlich der Straße war ganz mit Sträuchern überwuchert und diente zuletzt dazu, daß aller Unrat aus dem Dorf hier abgelagert wurde. Gelegentlich trieb wohl auch der Schweinehirt seine Schweine hierher, die sich in den noch vorhandenen Pfützen suhlten und sehr wohl fühlten. Dann bekamen die Reste der ehemaligen Horloff den Namen "Säubach"


Mühlahlen

Zur Mühle als herrschaftlichem Anwesen gehörten auch einige Ländereien - unter anderem das Mühlahl (siehe auch Karte Reichelsheim von 1761). Im Nordosten Reichelsheims - in Flur 2 - ist in den 1980er Jahren das Baugebiet am Mühlahl auf dem Gewann des ehemaligen Mühlahls entstanden. Die Ringstraße, die dieses Baugebiet umschließt wurde "Im Mühlahl" genannt.

Was heißt und woher kommt die Bezeichnung Ahl Die Suche nach dem Lemma (Suchbegriff) Ahl führte in LAGIS (Landesgeschichtliches Informationssystem https://www.lagis-hessen.de) zu 277 Treffer. In Verbindung mit Acker, Berg, Born, Busch, Furth, Garten ... bis hin zu Wies Die Ahl-Wiese wird in LAGIS 64 mal in 41 Orten erwähnt aber leider gibt es keine Erläuterung dazu. Die Suche nach Mühlahl führte lediglich zu einem einzigen Ergebnis - das gibt es wohl nur in Reichelsheim/Wetterau.

Die Ableitung des Flurnamens ist nicht eindeutig zu klären. Im Internet stößt man immer wieder auf die gleiche Beschreibung, wobei man nicht weiß, ob da nicht der eine vom anderen abgeschrieben hat. Man findet stets den Begriff Ahle in Verbindung mit Abwässer, Jauche und Unrat oder einfach nur sumpfig - aber auch die Bedeutung schmales, lang gestrecktes, in einer Vertiefung gelegenes Stück Land ...und hier passt auch wieder der Zusammenhang zu "sumpfig".

Media


siehe auch

Artikel über die Horloff

Artikel über die Flutbach