Ortsteil Reichelsheim / Kinderbetreuung

Aus Historisches Reichelsheim
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Seit Anfang der 1920er Jahre hatten die Reichelsheimer Kinder das Glück, auf dem Privatgrundstück von Grete Kern in der Oberen Haingasse 13 durch die dort wohnende Gemeinde-Schwester Lisette Schneider - zumindest nachmittags eine Kinderbetreuung zu genießen. Schwester Lisette führte in der "Kleinkinderschule" ein hartes Regime und wie erzählt wurde, waren nicht alle Kinder von ihrem durchgreifenden Charme begeistert. Von einigen Jahrgängen gab es damals schon das obligatorische Gruppenfoto und auch einige Privataufnahmen sind vorhanden. Jedenfalls war es schon eine beachtliche Anzahl Kinder, die dort bei Schwester Lisette zusammenkam und im Kreise ihrer Altersgruppe gemeinsam spielen und toben konnten. Auf den Fotos sind unter anderem auch Grete Kern und einige ältere Kinder bzw. Jugendliche zu sehen, die bei der Betreuung der Kinder behilflich waren.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland wurde das Erziehungssystem der Weimarer Republik verdrängt. Nach und nach griff die nationalsozialistische Jugend- und Bildungspolitik und der völkische Erziehungsgedanke wirkte sich sehr bald auch auf die Vorschulerziehung aus. Der Kindergarten war nun auch ein Bestandteil der "völkischen Gesundheitsfürsorge". Ziel war es, die sogenannte „arische“ Jugend zu „rassebewussten Volksgenossen“ heranzuziehen. So fasste man in der Gemeinde Reichelsheim 1938 den Beschluß zu einer eigenen Kinderbetreuung und kaufte den Garten der Familie Conrad neben der Post. Dort baute man ein Gemeindehaus, welches im unteren Stock den Kindergarten und im oberen Stock die Gemeindeverwaltung beherbergte. 1939 war Einweihung. An der Fassade war ein Schild der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt angebracht. Der Kindergarten unterstand dem Ortsgruppenleiter der NSDAP. "Tante Irma" war die erste Betreuerin dort - sie wohnte bei Familie Berg schräg gegenüber. Noch sehr jung wurden Hedwig Geier, Tilli Pfeffer und aus Weckesheim eine Marie Kaiser zur Kinderbetreuung hinzugezogen und ausgebildet. Tante Hedwig - wie sich die Erzieherinnen untereinander nannten und wie sie auch von den Kindern angesprochen wurden erinnert sich: "Es war eine sehr schöne Zeit. Morgens wurden die Kinder gebracht. Zur Mittagszeit gingen die Kinder nach Hause zu ihren Familien. Wir sind dann im Entenmarsch - Händchen an Händchen - durch den Ort marschiert und haben die Kinder nach Hause begleitet - bis nach Veithe ("Bis nach Veithe" soll heißen bis ans andere Ende des Ortes. Veithe hatten den letzten Hof an der Straße Richtung Florstadt). Nach dem Mittag haben wir auf die gleiche Weise die Kinder wieder abgeholt und abends das gleiche Spiel."

Keine 5 Jahre sollte der Kindergarten überdauern. Am 12. Mai 1944 trudelte ein über Friedberg manövrierunfähig geschossener und von der Besatzung aufgegebener 4-motoriger Bomber in Richtung Reichelsheim. Dieser war über Reichelsheim bereits so tief, daß er am Schornstein der Molkerei kollidierte - wobei eine Tragfläche abriss, die auf dem Molkereigelände niederschlug, um dann wie anvisiert in das Gemeindehaus zu stürzen. Im Sinkflug rasierte der Flieger die Scheune der Hofraite Scheibel und zerstörte das Gemeindehaus bis auf die Grundmauern. Glück im Unglück; Es war gerade Mittagszeit und das Gemeindehaus war nicht besetzt. Das Personal und die Kinder waren nicht im Haus und kein Mensch wurde verletzt. Erzählt wurde von einem Pferd, welches notgeschlachtet werden mußte. Das entstandene Feuer konnte recht schnell unter Kontrolle gebracht werden und der verursachte Sachschaden an den umliegenden Gebäuden hielt sich in Grenzen. Abgesehen von Scheibels Scheune war Conrads Wohnhaus am stärksten betroffen gewesen. Hier setzte der ausgetretene Kraftstoff das Wohnhaus in Brand. Das Feuer konnte glücklicherweise recht schnell unter Kontrolle gebracht werden. Eine ausgebombte Familie aus Frankfurt, die in Conrads Notunterkunft erhalten hatten, verloren dabei noch das Wenige, was sie in Frankfurt retten konnten und dort untergestellt hatten.

Auch in 1939 wurde gegenüber des Faselstalls ein Hitlerjugendheim errichtet. Dieses Gebäude ist seiner eigentlichen Bestimmung aber nie übergeben worden. Im September 1939 begann der Krieg und das Gebäude wurde für alles mögliche zweckentfremdet. Woran sich viele noch erinnern konnten war, daß dort Seidenraupen gezüchtet und Kräuter getrocknet wurden. Nach einem Erlaß vom Mai 1940 wurden die deutschen Schulen unter anderem zur Seidenraupenzucht ermuntert. Man brauchte die Seide für die Wehrmacht und mußte daher vom Weltmarkt unabhängig den Bedarf im eigenen Land decken können. Es wurden - meist in den Schulgärten - Maulbeerbäume gepflanzt. Die Schüler fütterten die Seidenraupen mit den Blättern des Maulbeerbaumes und "ernteten" die Kokons der Seidenraupen. Diese mußten zeitig als Eilgut unter der Bezeichnung "Lebende Seidenspinnerkokons" verpackt und an die zuständige "Konkonabtötungsstelle" geschickt werden, damit diese zur Seidengewinnung verwendet werden konnten. Ein Ausschlüpfen der Seidenspinnerfalter würde die Kokons wertlos machen. Als die Fa VDO in Frankfurt ausgebombt wurde hatte man hier für die VDO Teile gefertigt. Noch bis 1962 produzierte hier die "Mechanische Werkstätte" der Fa Scharfe, die bereits 1961 Gelände hinter dem Faselstall erwarb. Recht schnell konnte dort eine vorgefertigte Werkhalle mit einem kleineren massiven Anbau errichtet werden und das ursprüngliche HJ-Heim stand nunmehr anderweitiger Verwendung zur Verfügung. Dieses war ausschlaggebend für die Errichtung des heutigen Kindergarten "Steinbeißer". Die Stadtväter beschlossen hier eine neue Kindertagesstätte entstehen zu lassen. Bis zum Herbst 1962 entstand unter Einbeziehung der benachbarten Pflanzgärten ein ansehnlicher Bau zur Kinderbetreuung mit angrenzendem Spielplatz und einer Spielstraße. Am Sonntag den 21. Oktober 1962 wurde im feierlichen Rahmen unter großer Anteilnahme der Bevölkerung der Kindergarten übergeben sowie der angrenzende Spielplatz eröffnet. Seit dem 12. Mai 1944 bis zur Einweihung des nun neuen Kindergartens gab es in Reichelsheim sonst keine weitere nennenswerte Kinderbetreuung.


Anmerkungen

  • Als Grete Kern 1959 starb, ging Schwester Lisette in ein Altersheim nach Bad Nauheim und das Anwesen Obere Haingasse 13 wurde verkauft.
  • Im Heimatfilm 1962 ist ab Minute 21:25 der "neue Kindergarten" für wenige Sekunden während der Bauphase zu sehen


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