Ortsteil Reichelsheim / Feste und Bräuche

Aus Historisches Reichelsheim
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Zu den Festen und Bräuchen in Reichelsheim soll hier an dieser Stelle - soweit recherchierbar - berichtet werden. Viel ist leider nicht überliefert.


Mäusekuchen (Mäuskuche)

Mäuskuchen ist ein Gebäck, das in den Tagen des Jahreswechsels in Reichelsheim – und soweit bekannt auch nur noch dort – hergestellt wird.
Im Landesgeschichtlichen Informationssystem fand ich einen Eintrag im Hessen-Nassauischen Wörterbuch, daß in Langsdorf (Gi) noch Ende des 19ten Jahrhunderts zu Weihnachten Mäuskuchen gebacken worden wäre. (abgerufen am 15.05.2017)

Bis in die heutige Zeit hat sich zumindest die Herstellung und der Verzehr des in Reichelsheim bekannten Traditionsgebäcks an Neujahr erhalten. Es ist ein Art Hefeteigkringel, welcher mit einer oder zwei Bratwürsten gefüllt wird. Woher der Brauch stammt, wie alt dieser Brauch ist und welchen Hintergrund er hat, ist leider nicht überliefert. Die "Älteren" erzählten: "Mäuskuche gibt es, damit im neuen Jahr das Geld nicht aus geht" Nun ja, es gibt eine Menge traditioneller Gerichte zum Neujahr mit dem Beweggrund "damit das Geld nicht alle wird": Linsen, Sauerkraut und Würstchen und und und, mit Hefeteig hat das allerdings wenig zu tun. Einen anderen Anhaltspunkt findet man bei einem Gebäck, welches zum Anlass Heilige-Drei-Könige hergestellt wird. Hier wird vielerorts ein Hefegebäck mit regional unterschiedlichen Rezepturen zubereitet. Gemeinsam ist allen Dreikönigskuchen, dass entweder eine getrocknete Bohne, eine Mandel, eine Münze oder ein anderer kleiner Gegenstand, heute oft eine kleine Figur in Form eines Königs oder eines Babys eingebacken wird. Das besitzt zumindest ansatzweise Ähnlichkeit mit unserem Mäusekuchen, welcher bei uns zu Silvester bzw Neujahr verspeist wird. Silvester, Neujahr und Heilige Drei Könige haben allerdings auch eine Gemeinsamkeit, denn bis zur Kalenderreform durch Papst Gregor XIII. im 16. Jahrhundert war der Beginn des neuen Jahres in weiten Teilen Europas der 6. Januar - also am Dreikönigstag. Das Jahresende wurde dagegen traditionell am 24. Dezember begangen, so dass die Zeit bis Beginn des nächsten Jahres „zwischen den Jahren“ lag. Erst mit der Kalenderreform wurde der 1. Januar als Jahresbeginn festgelegt und damit der Tag des Heiligen Silvesters der Neujahrstag. Die evangelischen Territorien des Heiligen Römischen Reichs lehnten diese Reform selbstverständlich vorerst ab und übernahmen den gregorianischen Kalender mit einer Verzögerung von über 100 Jahren nach dessen erster Einführung. Der Mäuskuche könnte also in seinem Ursprung ein Heilige-Drei-Königs-Kuchen gewesen sein und ist aufgrund der Kalenderreform, mit der Verschiebung von Neujahr, somit zum traditionellen Silvestergebäck geworden. All das sind jedoch reine Mutmaßungen und keine Überlieferungen.

Was den Hefeteig angeht, gibt es viele Geschmäcker und daher auch Rezepte in den verschiedensten Varianten: mit oder ohne Salz, viel oder wenig Zucker, ein, zwei oder dreierlei Sorten Fett, mit oder ohne Ei. Angestochen oder nicht, bestrichen mit Ei, abgefrischt mit Wasser oder was auch immer dem eigenen Mäusekuchen die spezielle, besondere Note verleiht.

Rezepte und Links

Eines der ältesten überlieferten Rezepte - von Elisabeth Coburger/Fam. Wegner - ist "hier" (öffnet ein pdf in neuem Fenster oder Tab) zum Nachlesen hinterlegt.

Alternativ dazu sollte man sich auch das Rezept von Rosemarie Schreiber anschauen, welches "hier" (öffnet ein pdf in neuem Fenster oder Tab) zum Nachlesen hinterlegt ist.

Wer gerne eine ausführliche Backanleitung bekommen möchte wird auf der Webseite von Alexander Hitz fündig, welcher dem Mäusekuchen einen ausführlichen Artikel gewidmet hat: --> www.alexanderhitz.de


Flerrekuche un Kuloppe

Ein anderes zu erwähnendes Gebäck ist der "Flerrekuche", welcher laut Albert Nohl (siehe Heft 11) speziell auch nach Neujahr zu den typischen Neujahrsbesuchen aufgetischt wurde. Flerrekuche ist ein einfacher Blech-Hefekuchen bestreut mit Grieben. Auch hatte man Flerrekuchen liebend gerne gebacken, um ihn mit auf den Acker zu nehmen um ihn dort in den Pausen zum Kaffee zu verspeisen, denn nicht immer bestand die Möglichkeit sich frischen Kaffee, Brot oder Brötchen, Butter und Woscht bzw auch etwas süßes hinaus auf's Feld bringen zu lassen. Da war der Flerrekuchen doch recht einfach und trotzdem schmackhaft und vor allem Nahrhaft.

weiterhin kann ich mich noch an Kuloppe erinnern - zumindest existieren davon noch Backformen in unserem Haus. Kuloppe sind davon abgesehen aber kein typisch Reichelsheimer Gebäck, die gab es - wie Kreppel auch - in jedem Ort. Kuloppe wurden zur Himmelfahrtszeit hergestellt.


Maibaum, Maikönigin, Maitanz etc.

Da gibt es sicherlich noch einiges dazu zu schreiben. Zur Maikönigin von 1938 existiert zumindest ein Artikel aus der Rubrik Damals

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Erntedankfest

Das Erntedankfest - auch ein uraltes überliefertes Fest aus einer Epoche weit vor unserer Zeitrechnung. Die Germanen z.B. feierten im September das Fest der Tag- und Nachtgleiche. An diesem Tag wurde der kalten und dunklen Jahreszeit gedacht und mit dem Sommer abgeschlossen. Es wurde den Göttern für die reichhaltige Ernte gedankt. Überliefert ist, daß auch die Römer in Germanien ihr Erntedankfest begingen und diese Art des Feierns nach der Christianisierung unseres Landes mit ähnlichen Ritualen übernommen wurde. Zwar feiert man in vielen Ländern ein solches Fest, aber jede Religion hat ihren eigenen Brauch. In Deutschland feiert man nach evangelischem Brauch am ersten Sonntag nach dem Michaelistag (29. September). Nach katholischem Brauch ist es der erste Sonntag im Oktober. Die Nationalsozialisten erhoben 1934 das Reichserntedankfest zu einem der höchsten nationalen Feiertage (Bückebergfest). Siehe dazu auch den Artikel der Rubrik "Damals" / Erntedankfest 1934


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Kirmes

Kerb, Kerwe, Kirchweih - es gibt regional abhängig noch viele weitere Begriffe für die Kirmes die von dem Wort Kirchmess abgeleitet ist. Ursprünglich ein Fest zur Erinnerung an die Einweihung der Kirche im Dorf.

In Reichelsheim wird die Kirmes am zweiten Oktoberwochenende gefeiert.

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von Albert Nohl in seinen Heften erwähnte Bräuche

  • Die Lange Nacht; Der kürzeste Tag und die längste Nacht: Die aus dem Altertum überlieferte und durch die Nationalsozialisten im großen Stil wieder eingeführte Sonnenwendfeier fand zu Albert Nohls Jugendzeit auch im kleinen Kreise in Reichelsheimer Wohnzimmern statt.


  • Neujahrsbinden der Obstbäume; Das Baumbinden ist ein alter überlieferter Brauch, der noch aktiv um die Jahrhundertwende angewendet wurde. Hierbei wurden - zu einer festgelegten Zeit - um die Stämme der Obstbäume handgeflochtene Strohringe angebracht, die aus langhalmigem Roggenstroh angefertigt wurden. Sie sollten im kommenden Jahr für eine gute Obsternte sorgen.
    Im 19. Jahrhundert hatte sich dieser alte heidnische Brauch - ob von der Kirche geduldet oder auch nicht - zumindest nach Überlieferung letzter Zeitzeugen folgendermaßen abgespielt:
    Es wurde für jeden zu bindenden Baum ein Strohseil vorbereitet und die ganze Familie wartete am Silvestertag auf das Neujahrsläuten der Kirchenglocken um 15:00 Uhr. Sobald das Läuten begann, eilte man mit den Strohseilen von Baum zu Baum und band jedem ein Strohseil um. Mit dem Abklingen des Geläuts durften keine weiteren Bäume mehr "gezeichnet" werden.
    Man schmückte ursprungs die Obstbäume zum Julfest, wenn die Sonne ihren tiefsten Stand erreichte und die Zeit der "wihen nahten" - der "geweihten Nächte" anbrach. In dieser Zeit zog Wotan mit seinem wilden Heer durch die Lüfte, erschrak Mensch und Tier, vermachte aber den Saaten Fruchtbarkeit. Damit Wotan bei der "wilden Jagd" keinen Baum übersah und zu segnen vergaß, wurden diese Bäume geschmückt.


  • Der Grenzgang; Ein festliches Begehen der Gemarkung - wird heute noch z.B. im Landkreis Marburg-Biedenkopf im großen Rahmen veranstaltet. Neuerdings hört man in den Ortschaften ringsum wieder von Grenzgängen - nicht unbedingt wegen des Brauchtums, eher als Veranstaltung in Form eines Spaziergangs mit historischem Hintergrund.