Ortsteil Beienheim / Grenz und Marksteine

Aus Historisches Reichelsheim
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Ausgearbeitet von Ottmar Hachenburger in 2019


Grenzsteine in der Beienheimer Gemarkung

Ein Grenzstein oder Markstein dient der Kennzeichnung einer Flurstücksgrenze. Grenzsteine werden zur örtlichen Kennzeichnung oft bodenbündig - aber sichtbar in den Grenzpunkt gesetzt. In früheren Jahren gab es Grenzgänger, die diese Steine regelmäßig abliefen um deren Vorhandensein als auch deren korrekte Position und Zustand zu kontrollieren. Heute sind viele dieser Grenzsteine im Erdreich verschwunden und nicht mehr sichtbar. Wenn man ein Auge darauf hat, findet man hier und da noch einen solchen Grenzstein.

Alte Grenz und Abmarkungssteine gab es in der Beienheimer Gemarkung bestimmt mehrere!
Als nördliche Grenzlinie Beienheim–Melbach diente die alte römische Strasse „hohe Strasse“ die zum Kastell Echzell führte. Von der Einmündung „hohe Strasse" in den Riedweg, Richtung Beienheim war und ist heute noch auf der linken Seite ein offener Graben in Richtung Weckesheim zu erkennen. Dies ist heute die Gemarkungsgrenze Beienheim-Melbach.
Rechts und links vom Graben waren die Riedwiesen von Beienheim/Melbach, weiter östlich trafen die Gemarkungen von Beienheim-Melbach und Weckesheim zusammen. Hier gab es einen Stein, um den im Jahre 1709 ein Grenzstreit entstand. Dazu später mehr!

Auch wird es an den Grenzen Beienheim /Weckesheim, Beienheim/Dorn-Assenheim, Beienheim/Dorheim und auch an der sehr Kurzen Grenze zu Schwalheim mehrere Grenzsteine gegeben haben. Zumal ein Teil davon auch Ländergrenzen waren. Weckesheim Solms, Dorn-Assenheim zeitweise Nassau, Dorheim und Schwalheim gehörten zu Hessen-Hanau. Das Nachbardorf Melbach und auch Beienheim waren ursprünglich freie Reichsdörfer und später im reichsritterlichen Besitz/Lehen.

Im Staats-Archiv Marburg (siehe LAGIS im Internet) sind unter der Rubrik Hessische Flurnamen auch die alten Beienheimer Flurbezeichnungen aufgelistet. Darunter findet man zwei Namen, die auf auf Grenzsteine hinweisen. Aus dem 14 Jahrhundert „bey dem Marksteine“ und aus dem 14/15 Jahrhundert „der Conridisstein“ - letztere könnte sich auf den Namen Konrad beziehen.
Vorstellbar, das durch Laut/Wortveränderungen der „Conridisstein“ zu „Grauenstein“ verändert hat. Wer den Rad und Fußgängerweg zwischen Beienheim und Dorheim benutzt und sich auf der Höhe des Bauernhofs (heute in 2020 Familie Wollinsky) befindet, wird auch den „Grauenstein“ nicht übersehen. Dieser „Grauestein“ wurde aus Basalt Lungenstein gefertigt. Auf der Beienheimer Seite ist ein D=Dorheim und auf der Dorheimer Seite ein B= Beienheim eingearbeitet. Ob der heutige Standort der historisch orginale Standort ist, kann man nicht sagen, da der Grenzstein schon mehrere hundert Jahre alt ist und es im Laufe dieser Zeit Grenzveränderungen gegeben hat.

Ein bedeutend jüngerer Grenzstein ist „Auf dem Höchsten“ zwischen Beienheim und Dorheim in der Hecke des Bahndammes versteckt. Dieser Stein ist der Grenzstein zwischen Beienheim, Dorheim und dem Bahngelände. Er wurde im Zuge der Baumaßnahmen von den Eisenbahnstrecken Friedberg/Hungen und Friedberg/Nidda Ende des 19ten Jahrhunderts gesetzt.
Es gibt bestimmt noch einige unentdeckte Grenzsteine in der Gemarkung Beienheim.


Der Grenzstreit

Im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt/Arcinsys fand ich 2019 die Akte mit dem Kennzeichen HSt AD Bestand R3 Nr. 2/10 ein Dokument zum Grenzstreit zwischen Beienheim und Melbach. Im Laufe des Transkriptionszeitraums waren mir Friedel Schmidt und Gustav Ullrich behilflich. Auch habe ich durch weiteres recherchieren Publizierungen gefunden die sehr interessant sind. Der Grenzstreit fand auch in Rechtsbüchern wie z.B. "Recht der Gränzen und Marksteine" von Johannes Jodokus Beck aus dem Jahre 1754 Beachtung. Dieses Werk war ein Ratgeber für Flur und Grenzrecht. Weiter wurde in den Friedberger Geschichtsblättern von Richard Zorn 1930 auf Seite 119-122 über den Grenzsteinstreit berichtet. Es ist Bemerkenswert wie viel Aufmerksamkeit diesem Grenzstreit gewidmet wurde. Für die Wetterau war als Rechtsgrundlage das "Solmser Landrecht von 1571" gültig, auch Ausdrücke Grenzsteinziehen wie "Junge" entstammen diesen. Bei dem Rechtsbuch von Beck sind die Ortsnamen und die Namen der Beteiligten abgekürzt, wenn man sich geschichtlich interessiert ist, kann man vieles erraten, z.B. Fhr. R. v. H. = Freiherrn Rau von Holzhausen oder Herrn von C = Herren von Carben und auch bei den Anfangsbuchstaben der Beienheimer Bürger die in der Rechtskommission waren, werden die Familiennamen Maul oder Münch sein. In dem Rechtsbuch von Beck ist geschildert wie mehrere Grenzsteine von der Kommission und den Vertretern der Beteiligten "gezogen" wurden. Die Anzahl der Kommissionsmitglieder war immer ungerade.


Historisches zum Thema Grenzstreit zwischen Beienheim und Melbach

Im Jahre 1708 klagten die Beienheimer Bürger mit dem Freih. Rau von Holzhausen gegen das Dorf Melbach und den Herrn von Carben wegen dem Verdacht auf Grenzunstimmigkeiten. (siehe Urkunde vom HStAD Bestand R3 Nr. 2/10) Zu dieser Zeit ohne GPS mussten die Grenzsteine noch mit Hacke und Schippe „gezogen“ werden (alter Begriff beim Grenzsteinfreilegen) um den korrekten Standort der Grenzsteine zu ermitteln. Für diese Aufgabe waren die Feldgeschworenen od. Feldscheider zuständig. Es war eine Vertrauensposition im jeweiligen Dorf, gegenüber der Dorfgemeinschaft und dem Dorfherren. Das Aufsuchen des Grenzsteines war nicht das womit sich die Feldscheider zufrieden gaben, im Umfeld des Grenzsteins hatten die betroffenen Gemeinden ihre eigen Loszeichen-Junge od. Feldzeichen platziert die nur diesen bekannt waren. Die Beienheimer wussten nicht wo und wie die Melbacher ihre Feldzeichen arrangiert hatten. Diese Feldzeichen waren meist Tonscherben, Glasteile und andere orts und bodenunübliche Teile. Damit in den Dörfern die Lage der Grenzsteine nicht in Vergessenheit geriet wurden damals schon Grenzgänge durchgeführt. Nicht zu vergleichen mit den heutigen feucht fröhlichen Grenzgängen, damals mussten sich die jungen Bauern die Lage b.z.w. Standort der Grenzsteine einprägen. Für uns in der Wetterau war die Solmser land und Gerichtsordnung gültig. Nach dem aussterben der Münzenberger wurden ihre großen Besitzungen neu verteilt und auf Umwegen wurden auch die Solmser u.a. Territorialherren in der Wetterau.

„Recht der Gränzen und Marksteine“

Der Autor Johann Jodocus Beck veröffentlichte zwischen 1722 bis 1754 vier Auflagen seines Rechtsbuches über das Recht der Grenzen und Marksteine. In der vierten Auflage berichtet er über den Grenzstreit Beienheim-Melbach. Die damalige Schreib und Ausdrucksweise des Textes ist für uns sehr ungewohnt. Aus diesem Grund habe den Text von Beienheim/ Melbach betreffend für unseren Sprachgebrauch etwas einfacher geschrieben. Es handelt sich um die Akte die der amtliche Gerichtsschreiber angefertigt hat.

Protocollum über vorgenommene Besichtigungen strittiger Markungen, von einem commisario gefertigt, nebst einem Abriß

Am 22 April 1716 fand an der gemeinsamen Gemarkungsgrenze zwischen Beienheim und Melbach und Weckesheim ein Treffen von Vertretern der Dorfherren und den Bauern der betroffenen Gemeinden statt. Es ging um um einen Grenzstreit der Dörfer Beienheim und Melbach an der Grenze zu Weckesheim. Eine "Waide", also ein Stück Grünland im Ried war der Grund des Streites. Die Abordnungen und Vertreter trafen sich an besagter Waide , Vertreter der Reichsritterschaft waren auch anwesend, weil beide Dörfer einen Reichs-ritterlichen Dorfherren hatten. Die Feldgeschworenen der betreffenden Dörfer waren bei diesem Treffen die Hauptakteure, es waren meist angesehene und unbescholtene Bürger die sich loyal zu Dorf und Dorfherren zu verhalten hatten. Sie mussten den Standort und Sitz des Grenzsteines für richtig halten. Bei Unstimmigkeiten wurde der Grenzstein mit einfachen Werkzeugen (wie hacke und schippe) freigelegt und mit einfachen Meßgeräten (wie Meßstangen, Schnüren und Ketten) vermessen. Ein Schreiben über das letzte Treffen am 03 Dec 1715 wurde den Anwesenden vorgelesen. Der Vertreter des Freih. von Rau zu Holzhausen und der Gemeinde Beienheim begrüssten die „Commission“ und bedankten sich im voraus für ihre Arbeit und wollten die Grenzsteine anzeigen. Um die Richtigkeit der Steine festzustellen wurde um das ziehen und heben der Grenzsteine gebeten. Die Vertreter der Herrn von Carben und die Gemeinde Melbach haben dagegen protestiert. Die gesamte „Commission“ begab sich zur Stelle des Grenzstreites. Der für unseren Raum zuständige Amtmann fand sich zwischenzeitlich auch auf der "Waide" ein, er wollte dem "Actui" (der Angelegenheit) beiwohnen. Dieser wurde von den Ortsherren, oder deren Vertretern begrüsst. Nachdem sich die Feldgeschworenen der beteiligten Dörfer eingefunden hatten, wurden sie auf ihre Aufgabe bei Eid verpflichtet, sie wurden auch daran erinnert ihrer Herrschaft "Zugethan" zu sein. Nach diesem ganzen "Prodzedere" wurden dann die Grenzsteine gezogen, jeder gefundene Stein musste der "Commission" gezeigt werden. Nach dem Auffinden des ersten Grenzsteins wurde dieser von allen Feldgeschworenen begutachtet. Es wurden insgesamt fünf Grenzsteine gefunden, die Feldgeschworenen stellten fest das die Steine komplett mit dazugehörenden "Feldzeichen od. Jungen" gefunden wurden. Sie stellten fest das die Grenzsteine korrekt saßen. Die Aussage der Feldgeschworenen wurde protocolliert und vorgelesen. Ein Plan wie die Feldzeichen zum Grenzstein liegen, sowie ein Plan über den Verlauf der Grenze wurde von einem ritterschaftlichen Sekretär angefertigt. Beide Parteien baten um eine Kopie des Protokolls.

„Weilen nun vom klagenden Theil dißmal keine mehrere Steine angezeigt, oder zu ziehen begehret, so wurde mit der Commission abgebrochen, und begabe ein jeder wiederum nacher Hauß“

Heute würde man sagen: alles goud, giet haam!


Quellennachweis

Stadtarchiv Reichelsheim, Stadtarchiv Friedberg, Hessisches Staatarchiv Darmstadt und die im Text erwähnten Bücher !