Ortsteil Beienheim / Abdecker und Schinnerwesen

Aus Historisches Reichelsheim
Wechseln zu: Navigation, Suche

Abdecker, im oberdeutschen Sprachraum Wasenmeister, war jahrhundertelang eine Berufsbezeichnung für Personen, die für die Beseitigung von Tierkadavern und die Tierkörperverwertung zuständig waren.[1]

Andere Bezeichnungen mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung (Synonyme)
Abstreifer, Fallmeister, Feldmeister, Filler Freiknecht, Füller, Kafiller, Kaltschlächter, Kleemeister, Racker, Schinder, Wasenmacher, Wasenmeister[2]

Meist war ein Scharfrichter auch Abdecker oder Wasenmeister, zuständig für die Reinigung der Kloaken, die Vertreibung von Aussätzigen, die Tötung streunender Hunde und die Aufsicht über die Dirnen. Meist hatte er Knechte, die ihm bei der Verrichtung all dieser aus heutiger Sicht wenig appetitlichen Aufgaben, zur Hand gingen. Obwohl der Henker ein unabdingbares Amt im Justizwesen seiner Zeit inne hatte, galt er in der Gesellschaft doch als unehrlicher, unehrenhafter Mann.[3]


Abdecker und Schinnerwesen in Beyenheim

Eine mittelalteriche Sage "Der Schelm von Bergen" erzählt die Geschichte eines Mannes der einem sogenannten unehrlichen Berufen zugezählt wurde. Die Geschichte erzählt von dem Scharfrichter von Bergen, dieser soll auf einem Maskenball mit einer Adeligen getanzt haben, bei der Demaskierung erkannten ihn die Anwesenden und ihr Mann hat geistesgegenwärtig den Scharfrichter als "Schelm von Bergen" geadelt. Aber, es ist nur eine Sage, die auch von Heinrich Heine literarisch bearbeitet wurde. Soviel Glück wie der Schelm von Bergen werden die Angehörigen der unehrlichen Berufe in ihrem Leben nicht gehabt haben.

Im Stadtarchiv Reichelsheim lagern Akten - Verträge - Accords der Gemeinde Beienheim ab ca. 1830 und später. Hier wird genau geregelt wie das "gefallene Vieh" entsorgt wird. Das Abdecker und Schinnerwesen ist schon seit dem späten Mittelalter in vielen Regionen Deutschlands geregelt gewesen. Nicht jedes Dorf hatte einen eigenen Abdecker und oft musste dieser mehrere Dörfer "entsorgen", meist geschah dies auf der örtlichen "Schinnkaute". Die Berufsbezeichnung Abdecker kommt von dem lösen der Decke, sprich dem Fell. Oft bestand auch eine Personalunion Abdecker-Scharfrichter u.s.w., beide gehörten zu den sogenannten "Unehrlichen" Berufen (von ohne Ehr). Im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt ist in einer Akte vermerkt, das der Henker von Friedberg in Beienheim eine "unehrliche Tat" verrichten musste. Die Herren von Beyenheim, FREIHERREN RAU VON HOLZHAUSEN waren zu dieser Zeit auch Burgmannen zu Friedberg und so kann mann sich auch den "Henkersdienst" erklären.

Unehrlich galten damals folgende Berufe: Müller, Schweinehirt, Gerichtsdiener, Leineweber u.a. Dies hatte aber nichts mit mit ihren wirtschaftlichen Verhältnisen zu tun, ein Müller konnte wohlhabend sein, ein Schweinehirt war es weniger. Die Müller waren in Flussnähe, die Abdecker vor dem Dorf angesiedelt und die Hirten oft am Dorfrand. Der Schinnplatz bei uns die "Schinnkaute" genannt, wurde mit der Hauptwindrichtung ausgesucht, in Beienheim kommt die Hauptwindrichtung aus Rosbach, Friedberg (Süd-West) und die Achse über Beienheim zeigt uns den Platz an der Grenze Beienheim- Melbach- Weckesheim, die IXKAUTE od. EXKAUTE. Der Begriff KAUTE wird heute noch verwendet als Bezeichnung eine Grube, dort in diesem abgelegenen Gemarkungsteil konnten sich Echsen, Blindschleichen ansiedeln. Bei der ersten großen Flurneuordnung nach dem Ende der dreifelderwirtschaft wurde 1843 ein neuer Flurplan erstellt, in diesem ist noch ein Hinweis auf die Schinnkaute zu finden. Der Planverfasser hat einen Abschnitt des Reichelsheimerweges "Auf die Schinnkaute nach dem Reichelsheimerweg" bezeichnet. Dieser Weg war wenn man heute, ab dem östlichen Bahnübergang sich einen Weg durch das Lattuch, am Sportplatz vorbei in Richtung Ix-Exkaute denkt. Ich kann mir gut vorstellen dass sich aus "Echsegrube" die Flurbezeichnung "Ixkaute" entwickelt hat. Wie die Tierentsorgung vor 1800 getätigt wurde ist im Stadtarchiv nicht nicht beurkundet, vielleicht hatte auch ein auswärtiger Wanderbdecker vorort in der Ixkaute seine Arbeit verrichtet und Rohstoffe hergestellt Im Nachbardorf Dorheim hatte über Jahrhunderte die Abdeckerfamilie NORD gelebt und gearbeitet (ab 1698), siehe Kopien und Transkriptionen. Die Abdecker durften nur inerhalb ihres Berufsstandes heiraten, dadurch entwickelte sich ein miteinander verwandter und versippter Berufsstand. Die Familie Nord war vom Odenwald, Raum Hanau, Wetterau bis Oberhessen bekannt. Solche Abdeckerfamilien stellten z.B. aus dem Leder Gebrauchsartikel für die bäuerlichen Dorfgesellschaft her. Aus dem Leder wurden Riemen für die Peitschenherstellung, oder kleine Lederriemen als Schnürriemen hergestellt. Die weiche Füllung der Pferdekumette stellten sie aus Abfallprodukten (Haare) her. Aus toten Hunden wurden Heilsalben für Mensch und Tier hergestellt. Der neuerer Schinnplatz im Bereich "Im Bergwerk" wurde nach der Bendung des Braunkohleabbaus in Dorheim-Beienheim, an ungünstiger Stelle südwestlich von Beienheim genutzt . Durch den Stollenbruch hatte man hier leicht die Möglichkeit ein Stück Vieh zu entsorgen. Für diese Zeit liegen Verträge mit dem Heuchelheimer Abdecker Mörschel im Stadtarchiv Reichelsheim. Bei diesen Verträgen ist bei nicht ein- haltung seitens des Abdeckers eine sofortige Kündigung des Vertrages durch die Gemeinde Beienheim möglich. An diesem Sachverhalt erkennt man, den Abdeckern war es manchmal nicht möglich die verendeten Tiere Vertragsgemäß abzuholen und zu verarbeiten. In einer solchen Situation wird der Bürgermeister ein verscharren der Tiere am Schinnplatz aus Seuchenhygienische Gründen erlaubt haben.

Quellen:

  • Diplomarbeit von Rebecca Wurian an der Uni Wien: Stigma und Charisma der Schinner (Okt. 2010)
  • Stadtarchiv Reichelsheim Wetterau

Media

Flurkartenauszug Flur V Abt. E

Hinweis auf die Schindkaute in Beienheim

Auszug der Flurkarte Flur V Abteilung E

Flurname: Auf die Schindkauten durch den Reichelsheimer Weg

Original im Hessischen Landesarchiv Darmstadt Bestand P 4 Nr. 3343 Seite 52


Accord Wasenmeister Moerschel

Transkription Vertrag Gemeinde Beienheim mit Wasenmeister Mörschel aus Heuchelheim

Accord Wasenmeister Mörschel mit der Gemeinde Beienheim, 1875

Geschehen Beienheim am 11 Juni 1875 Es erschien vor dem Großherzoglichen Bürgermeister Wilhelm Mörschel von Heuchelheim und schloß folgenden Vertrag ab. Ich unterzeichenter übernehm das Abtöten der Thier in der Gemeinde Beienheim auf nachfolgenden Bedingungen. Die Gemeinde hat das Thier auf den Rücken zu liefern, daß auf und abladen hat übernehmer zu besorgen so dann erhält der übernehmer für jedes Stück.
a, für ein Stück das über ein Jahr ald ist 3 Mark und darunter 2 Mark das sie kommt dem übernehmer zu gut, das ?Buch ? hat der Eigentümer zu besorgen. Dagegen vertraglich hat sich den übernehmer sobald er die Anzeige von einem gefallenen Stück erhält so hat er abdarselben innerhalb 12 Stunden auf den Waßen zu bringen sollte übernehmer ? srueeg ? so kann von Seiten der Gemeinde der Vertrag auf zuhoben ohn den übernehmers einer Entschädigung dafür zu gestatten. der übernehmer kann seinen Vertrag ohne firteljährige aufkündigung nicht ablegen. Beienheim am 7 Juli 1875 vorgelesen genehmigt und unterschrieben Wilhelm Mörschel


Vertrag mit Wasenmeister David Blatt 1

Transkription Vertrag Gemeinde Beienheim mit Abdecker Nord, vom 02 Juni 1830 Seite 1 und 2

Geschehen Beyenheim 2th. März 1830

Nachdem der unterzeichnete Ortsvorstand unterm heutigen Dato, mit dem Wasenmeister David Nord von Dorheim, wegen dem hiesigen Vieh abzudecken folgenden Accord auf 3 aufeinanderfolgende Jahre abgeschlossen Macht sich der Johannes Nord verbindlich jedes mal folgendes vor der Abfahrt von jedem Stück Vieh zu bezahlen wie folgt.
1. Vor ein Kuh ----------------------------------------- 4 fl.
2. Vor ein Pfherd -------------------------------------- 3 fl.
3. Vor ain 1 1/2 jährig oder 2 jährig
tragbar Rind ------------------------------------------- 3 fl.
4. Vor ain jährig Rind -------------------------------- 2 fl.
5. Vor ain Seubling unter einem Jahr ------------ 1 fl.
6. Vor ein mittelmäßig Schwein oder
ain kleines Kalb gebe er dem boten 10 bis 12 kr.
7. Vor ain schweres oder ain fettes Schwein will er sich mit dem Eigenthümer abfinden,
8. Deßgleichen für eine Ziege Nach dem vorstehenden Accord den Johannes Nord und den anwesenden Gemeinderathsgliedern


Vertrag mit Wasenmeister David Blatt 2

vorgelesen wurden war, von denselben genemigt, und haben sich daselb eigenhändig unter- schrieben. Johannes Nord Heinrich Haxt
Gräf
Stauby
Wetzstein
.................?
Huber
Beilstein
Zur Beglaubigung der Unterschriften
Der Bürgermeister
Stein



Einzelnachweise

  1. Wikipedia "Abdecker" abgerufen am 03.04.2019
  2. Genwiki "Abdecker" abgerufen am 03.04.2019
  3. Genwiki "Scharfrichter" abgerufen am 03.04.2019