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Ulrich, Johann Wilhelm von Beruf Leineweber, geboren am 28.02.1733, gestorben am 20.01.1806 mit 72 Jahren, 10 Monaten und 20 Tagen, begraben am 22.01.1806
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Die "aufrechten" Bürger der Gemeinde wurden bis dahin rund um die Kirche auf dem Totenhof - Mitglieder der Herrschaftsfamilie auch innerhalb der Kirche beigesetzt. <br>
 
Die "aufrechten" Bürger der Gemeinde wurden bis dahin rund um die Kirche auf dem Totenhof - Mitglieder der Herrschaftsfamilie auch innerhalb der Kirche beigesetzt. <br>

Aktuelle Version vom 24. Januar 2020, 17:08 Uhr

Für den Stadtkurier 24. Januar 2020
Rubrik "Damals"

Verantwortlich und Ansprechpartner für die Rubrik "Damals" ist:
Horst Diehl, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsverein Reichelsheim/Wetterau e.V. (HGV)
Bingenheimer Straße 29
mail-Adresse: h.diehl@web.de


Bildbeschreibung:


Der Friedhof in Reichelsheim

Im Stadtarchiv fand ich vor Jahren schon die unten abgebildete Fotografie, welche ich zuerst unserm Ort nicht zuordnen konnte. Ein eher ungepflegtes Stück Erde mit einigen heruntergekommenen Kreuzen darauf. Ganz sicher eine Begräbnisstädte.
Beim Ortsvergleich wird einem sehr schnell klar, daß es sich wahrhaftig um den heute noch aktuellen Friedhof handelt. Das Haus mittig im Hintergrund gehörte damals der Familie Beckel – später Dörr. Die Scheune links gehörte seinerzeit zum Anwesen der Familie Eiser.

Laut Sterbebuch der Reichelsheimer Kirche wurde der erste Bürger im Januar 1806 auf dem “neuen“ Friedhof beigesetzt. Dieses erfuhr ich aus einem Artikel der Kirchenzeitung “ Reichelsheimer Heimatglocken“, den Pfarrer Carl im August 1938 geschrieben hatte.

In früheren Jahrhunderten blieben die Toten im Gedächtnis der Angehörigen und der Gemeinde, weil man Sonntag für Sonntag an ihrer Grabstätte vorüberschritt.
Der alte Reichelsheimer Kirchhof lag, wie im Namen zum Ausdruck kommt, um die Kirche. Wo heute die eiserne Einfassung steht, war früher eine mit Schießscharten versehene Ringmauer.
Der alte Friedhof ist in den 1860er Jahren - darauf können sich unsre alten Nassauer noch entsinnen - abgetragen und die Mauer beseitigt worden.
Im Sterberegister unseres Kirchenbuches steht geschrieben: "1806 N.B. (nota bene) auf dem Begräbnisplatz - nach der Reihe beerdigt. Johann Wilhelm Ulrich, Bürger, starb an einem Katarrhalsfieber und ward auf bescheinigte Besichtigung früher begraben und war der erste, der in die neue Begräbnisstätte beerdigt wurde."


Im Familienbuch von Reichelsheim finde ich den dazugehörigen Eintrag:

Ulrich, Johann Wilhelm von Beruf Leineweber, geboren am 28.02.1733, gestorben am 20.01.1806 mit 72 Jahren, 10 Monaten und 20 Tagen, begraben am 22.01.1806


Die "aufrechten" Bürger der Gemeinde wurden bis dahin rund um die Kirche auf dem Totenhof - Mitglieder der Herrschaftsfamilie auch innerhalb der Kirche beigesetzt.
Im Juni 1668 bestattete Pfarrer Frech seinen ertrunkenen Sohn sogar vor dem Pfarrstuhl.
Vor den Toren wurden nur diejenigen unter die Erde gebracht, die wegen eines tatsächlichen oder angenommenen Verbrechens gegen die menschlich-christliche Gemeinschaft verstoßen worden waren.

Freiwillig hatte man den Kirchhof sicherlich nicht aufgeben wollen. Eine umfassende und nachhaltige Änderung des Bestattungswesens erfolgte aufgrund eines Napoleonischen Dekrets. Durch das starke Bevölkerungswachstum im 18.Jh. seien die Kirchhöfe oft überbelegt, und die dadurch verursachten Mehrfachbelegungen führten zu einem hygienisch bedenklichen Zustand. Gemäß dem Dekret von 1804 sollten keine Beerdigungen mehr innerhalb der Ortschaften erfolgen. Die neuen Friedhöfe sollten in rechteckiger Form jenseits der Ortsgrenze von einer Mauer umgeben errichtet werden. Die Begräbnisse sollten der Reihe nach in einem Einzelgrab, also nicht übereinander erfolgen. Auch die Mindestmaße für die Grabbreite und Tiefe sowie die Grababstände gab das Dekret explizit vor.

Kirchhof, Totenhof oder Friedhof steht für ein und denselben Begriff - ein Ort an dem Verstorbene - in den meisten Fällen begleitet von einem religiösen oder weltlichen Ritus, bestattet werden. Der Begriff Friedhof leitet sich dabei aus dem altdeutschen, für einen umfriedeten Bereich ab. Heute versteht man darunter eher eine Stätte des Friedens.


Rhm Friedhof um 1900.jpg