Artikel der Rubrik "Damals" / 1953 - Gedanken und Erinnerungen an die Schulzeit

Aus Historisches Reichelsheim
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Für den Stadtkurier 08. Mai 2020
Rubrik "Damals"

Verantwortlich und Ansprechpartner für die Rubrik "Damals" ist:
Horst Diehl, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsverein Reichelsheim/Wetterau e.V. (HGV)
Bingenheimer Straße 29
mail-Adresse: h.diehl@web.de


Bildbeschreibung:


Gedanken und Erinnerungen an die Schulzeit in Reichelsheim (Irene Fleischauer im Mai 2020)


1953 begann das Schuljahr nach Ostern. Wir kamen in die Schule, in einen Schulraum, der ein Teil einer umgebauten Lehrerwohnung war. 1912 hatte die Stadt Reichelsheim für ihre Lehrer dieses großzügige Gebäude für zwei Familien errichtet und zwar an der Stelle, wo vorher das alte Amtshaus stand. Einst wurde dort die nassauische Herrschaft repräsentiert.

Nun in diesen Nachkriegszeiten musste man zusammenrücken. Mehrere hundert Flüchtlinge, Vertriebene und Evakuierte aus den zerbombten Städten mussten untergebracht werden. Die Schülerzahl war so gestiegen, dass die beiden vorhandenen Klassenräume nicht mehr ausreichten. Teilweise wurde Unterricht in den beiden Sälen von Cafe´ Vaterland (Diehl, Kirchgasse 1) und Gasthof zur Post (Sprengel, Bingenheimer Str. 27) abgehalten.

Die zwei Lehrerwohnungen wurden umgestaltet, so dass man nun drei Wohnungen und einen weiteren Schulsaal hatte.

Außer einem Klassenzimmer mit Vorzimmer für Jacken, Bücher und Ähnliches gab es noch eine weitere kleine Einzimmerwohnung in dieser Etage. Dort wohnte ein älteres Ehepaar aus Mannheim, die Familie Büger. Der Mann war gehbehindert und ich durfte manchmal für sie einkaufen. Dafür bekam ich einen Groschen.

Im ersten Stock wohnte Frau Voetsch, unsere Lehrerin, mit ihrem Mann.

Die Toilette neben dem Eingang durften wir Kinder nicht benutzen. Sie war nur für die Hausbewohner vorgesehen. Für die Kinder gab es eine Trockenklo Toilette hinten im Schulgarten. Da wir aber im ersten Schuljahr nur eine Stunde Unterricht hatten – von 12:00 bis 13:00 Uhr – war der etwas weite Weg für uns Kinder irrelevant.

Im Übrigen ist dieses Toilettengebäude heute noch vorhanden.

In der nördlichen Haushälfte wohnten damals der Lehrer Pauli mit seiner Familie und im Obergeschoss der Zahnarzt Neuroth mit Frau Mia und drei Töchtern. Ich kann mich besonders gut an die Töchter Monika, Susi und Barbara erinnern, weil sie manchmal mit mir spielten und sehr kunstreiche, eingeflochtene Zöpfe hatten. Zahnarzt Neuroth hatte seine Praxis im Hinterhof des Hauses Florstädter Straße 3 (damals Dorn-Assenheimer Straße).

Im Vorderhaus dieses Anwesens wohnte die Familie Meißner. Herr Konrad Meißner war Friseur und Barbier und einmal in der Woche ließen sich die alten Männer bei ihm rasieren.

Aber nun zurück zu unserem ersten Schultag. Frau Voetsch hatte für uns Erstklässler mit bunter Kreide ein wunderschönes Bild gemalt, eine Szene im Wald, Tannenbäume, Blumen, Pilze, Vögel, Schmetterlinge, ein Häuschen und ein kleines Mädchen mit einer roten Kappe, das einen schweren Korb trug. Hinter einem Baum, deutlich erkennbar, lauerte der WOLF. Dieses Wort war mit Blockbuchstaben geschrieben. Schon Frau Voetsch kannte die Ganzheitsmethode. Über dieses Bild haben wir tagelang gesprochen und die betreffenden Wörter lesen und schreiben gelernt.

Während der ganzen ersten Klasse schrieben wir mir mit Griffeln auf Schiefertafeln. Am Holzrahmen einer jeweiligen Tafel gab es ein Loch, an dem eine Schnur befestigt war. Hier hing ein kleines Schwämmchen, mit dem man die Schrift auf der Tafel auswischen konnte. Dieses Schwämmchen wurde täglich zu Hause sauber ausgewaschen. Frau Voetsch achtete sehr darauf, dass man morgens mit gespitzten Griffeln in den Unterricht kam. Man musste sehr darauf achten, dass man nicht mit dem Ärmel die frisch geschriebenen Wörter verwischte. Dann schimpfte Frau Voetsch.

Anfänglich hatten wir noch keine Tafelschoner. Aber die konnte man bei Familie Hoffman kaufen. Das Buch- und Papiergeschäft Hoffmann war anfänglich in der Kirchgasse, wo heute die Familie Rühl wohnt. Später zog man um in die Bingenheimer Straße. Noch heute gibt es dieses Warenangebot - zeitgemäß natürlich - in diesem Geschäft bei Tanja Walther.

Nun wieder zurück ins Jahr 1953 zu unserer Einschulung.

Mit unseren großen Schulbrezeln wurden wir – wir waren zu zwölft, 10 Mädchen und 2 Buben - vor dem Eingang des Gebäudes fotografiert. Die stolzen Mütter (ein Vater war dabei und eine Großmutter) durften auch mit auf das Bild. Anders als heute waren die Erwachsenen auch in der ersten Schulstunde anwesend.

Da wir nach der einen Stunde Schule gleich wieder heimgingen, gab es keine großen Pausenaktivitäten, und natürlich brauchte man auch kein Frühstück mitzunehmen.

Sportunterricht gab es in Reichelsheim nicht, da keinerlei Sportmöglichkeiten vorhanden waren. Ich erinnere mich an Singkreisspiele (Dornröschen war ein schönes Kind) oder Hüpfkästchen. Was die Buben so machten, weiß ich nicht.

Zu Ende der ersten Klasse bekamen wir weiße Tafeln, vermutlich aus Bakelit, auf denen man mit Bleistift schreiben konnte. Dazu gab es Radiergummis.

In der zweiten Klasse lernten wir dann mit Federer und Tinte in Schulhefte schreiben.

Dazu kauften wir uns einen Federhalter, zwei Redisfedern, ein Gläschchen Tinte und ein Schulheft bei Hoffmanns.

An unseren Schultischen gab es an jedem Platz eine Vorrichtung für ein Tintenfässchen. Dieses Fässchen hatte einen Deckel, der, wenn man schreiben wollte, aufgeklappt wurde. Nach wenigen Wörtern musste die Feder ja wieder eingetaucht werden, aber bitte nicht zu tief, sonst gab es einen hässlichen Klecks, der die Lehrerin oder den Lehrer veranlassen mochte, den Schüler oder die Schülerin an den Ohren zu ziehen.

In der dritten Klasse durften wir mit Füller schreiben (Pelikan).

Auf unsere Kleidung mussten wir als Kinder sehr achten. Waschmaschinen waren noch nicht gebräuchlich, und nach dem Unterricht zog man sich in Alltagskleidung um, denn beim Spielen konnte man ja schmutzig werden. Es gab Schulkleider und Schulschürzen. Nicht alle Mädchen mussten Schulschürzen tragen, man kann es auf dem Einschulungsfoto erkennen. Mein Vater bestand auf dem Hergebrachten. Meine Kleidung, auch die Schulschürzen, wurden von der Gote Frieda, einer Cousine meines Vaters, die in der Turmgasse 11 wohnte, genäht.

Die kleinen Buben trugen damals nur kurze Hosen, auch wenn es kalt war. Wie die Mädchen hatten auch sie lange Woll- oder Baumwollstrümpfe, die mit einem Gummistraps an einem Leibchen befestigt wurden, das man über dem Unterhemd trug.

In der dritten Klasse durften wir endlich in die "richtige" Schule gehen. Das heißt, in das Gebäude, was heute unter "Altes Rathaus" firmiert. Damals befand sich im Erdgeschoss das Rathaus, die Bürgermeisterei.

Schon in den 40er Jahren des 20. Jh. hatte man in der Bingenheimer Str. ein neues städtisches Gebäude errichtet, das im Untergeschoss einen Kindergarten beherbergte und in den oberen Stockwerken die Stadtverwaltung. Durch einen Flugzeugabsturz 1944 wurde dieses Gebäude zerstört, und die Verwaltung musste wieder in das Untergeschoss der Schule zurückverlegt werden, dorthin, wo heute das Standesamt untergebracht ist.

Die Reichelsheimer Schule befand sich seit Menschengedenken in diesem Gebäude, genaugenommen seit 1866, als das nassauische Reichelsheim preußisch werden musste, weil es im sogenannten "Bruderkrieg" auf der falschen Seite, der österreichischen, gekämpft hatte. Das nach Vorherrschaft strebende Preußen organisierte Behörden und Verwaltungen nach seinen Vorstellungen.

Eine Volksschule für alle Kinder wurde im Obergeschoss der ehemaligen mittelalterlichen Kaufhalle aus dem 16. Jh. eingerichtet, zwei große Klassenräume mit einem weiteren Raum, einem Sälchen, im Dachgeschoss. In diesen beiden Räumen fand der Schulunterricht für alle Reichelsheimer fast 100 Jahre lang statt, vier Jahre lang in der „klaa Schoul“ und vier Jahre lang in der „gruus Schoul“.

Als während und nach dem 2. Weltkrieg die Schülerzahl wegen der Evakuierten, der Flüchtlinge und der Vertriebenen stark anstieg, wurde klar, dass ein Schulneubau unumgänglich war. Der Ort für die neue Schule war strittig. Favorisiert wurde der sogenannte Schulgarten (dort, wo sie schließlich auch gebaut wurde). Aber der Landwirt Maley, Neugasse 1, beanspruchte ebenfalls einen Teil dieses Stücks. So wie alle anderen Neugässer Bauern wollte auch er einen Durchbruch durch die alte Stadtmauer zur Rosgasse haben und seinen Hof nach Süden erweitern, damit er mit seinem Gespann nicht im Hof wenden musste, sondern durchfahren konnte.

Es folgten jahrelange gerichtliche Auseinandersetzungen durch mehrere Instanzen. Währenddessen hatte die Stadt im Schulgarten Toiletten errichtet für die Kinder der 1. und 2. Klassen. Fakten waren geschaffen worden, so dass Maley letztendlich den Prozess verlor. Noch heute ist das Relikt dieser Plumpsklo Anlage zu sehen.

Plumpsklos, die man schon von weither am Geruch identifizieren konnte, gab es auch für die Schülerschaft in den höheren Klassen. Das kleine Gebäude neben dem alten Rathaus, ein altes Fachwerkhäuschen, das später abgerissen wurde, diente vielen Zwecken. Außer den Toiletten für die Kinder waren dort Gerätschaften für die Feuerwehr untergebracht. In früheren Zeiten soll es dort die Möglichkeit gegeben haben, dass Wanderburschen oder fahrendes Volk übernachten konnten.

„Wir sind da nie hingegangen, es hat zu sehr gestunken.“, sagte mir eine Gewährsfrau bei der Unterhaltung über frühere Zeiten. Nicht zur Toilette zu gehen war damals auch nicht so problematisch, denn die Kinder mussten nicht ständig Wasser trinken.

In der dritten Klasse waren wir zusammen mit den Klassen vier und fünf.

Die Pausen verbrachten wir auf dem Kirchhof.

Als endlich 1956 die neue vierklassige Schule mit allen modernen Einrichtungen eingeweiht werden konnte, hatte man sich nicht vorgestellt, dass diese neue Schule in dieser Form nur knapp 15 Jahre existieren würde. Dann wurde sie zur Grundschule zurückgestuft. Ab der fünften Klasse ging man auf weiterführende Schulen und die Kinder wurden z.B. mit dem Bus zur Karl Weigand Schule nach Florstadt gefahren.

Einen Zuwachs an Bedeutung bekam die Reichelsheimer Schule wieder, als 1998 die neue Schule Im Ried eingeweiht wurde, eine gemeinsame Grundschule für alle Kinder aus allen Ortsteilen Reichelsheims.


Wie war die Schulsituation in nassauischen Zeiten?

In einem ausführlichen Bericht von Hagen Behrens aus dem Jahr 2000 wird über die hochinteressante Schulgeschichte unserer Gemeinde und die vielfältigen Bemühungen um Bildung in Reichelsheim berichtet. Es gab in verschiedenen Jahrhunderten eine Lateinschule, eine Mädchenschule, eine Bürgerschule, Industrieschule usw. . Nach der Lektüre dieses Textes hat man den Eindruck, dass Reichelsheim tatsächlich für Jahrzehnte (Jahrhunderte ?) ein Zentrum für ländliche Weiterbildung war.


Zurück zu meinen Erinnerungen an die dritte Klasse. Von der Schule in der Lehrerwohnung zur Schule im Rathaus war ein enormer Aufstieg.

Man gehörte zwar noch nicht zu den Großen, aber doch zu den Größeren.

Auch ein neuer Lehrer war gekommen, Lehrer Petri aus Dorn-Assenheim mit seiner Frau und seiner Tochter Gertrud. Sie wohnten dort, wo Neuroths ausgezogen waren.

In den Pausen spielte man nun auf dem Kirchhof. Der Kirchhof war damals keine Grünanlage so wie jetzt, er war steinharter und plattgetrampelter Lehm. Es gab noch keine Hecke. An der Begrenzungsmauer konnte und kann man feststellen, dass es früher einen eisernen Zaun (Staketen) gegeben hat, der wohl während des 2. Weltkrieges „gespendet“ werden musste (Metallsammlung).

Nur große, stattliche Bäume, Kastanien und Rotdorn, konnten dem täglichen Ansturm der Kinder widerstehen.

Bis zu Beginn des 19. Jh. war dieser kleine Platz der Friedhof für alle Reichelsheimer gewesen. Das wussten wir damals aber nicht.

Die älteren Buben spielten in den Nischen der Kirche auf der südlichen Seite Kopfball (Fußball war aus Platzgründen nicht möglich), die jüngeren Kinder spielten Schießer (Murmeln) auf der nordwestlichen Seite der Kirche. Die Löcher dazu konnte man sich in dem Lehm selber graben.

Von der gegenüberliegenden Straßenseite war Frau Diehl (Diehls Frieda), eine ganz wichtige Person, grauhaarig, zierlich und resolut, gekommen. Sie hatte einen großen Henkelkorb auf der Kirchhofsmauer abgestellt, er enthielt allerhand gute Sachen. "En Weck un e Ripp´Schoggelad" war das, was die Kinder üblicherweise kauften. Es gab auch "e Päckche Kakau". Solche Leckereien konnte man sich aber nur selten leisten, denn die Sache mit dem Taschengeld hatte sich damals auf dem Land noch nicht so herumgesprochen. Pausenbrot brachte man sich von zuhause mit. Um an etwas Geld zu kommen, hatte man als Kind die Möglichkeit, beim "Roiwerobbe" oder beim "Kardoffellease" zu helfen. Da gab es einige Pfennige.

Bei der Frieda etwas zu kaufen, konnte man sich nur ab und zu einmal erlauben.

Dass der öde Kirchhof eine schöne Grünanlage werden konnte, ist auf die Initiative der Familie Bietz (die damalige Pfarrersfamilie) zurückzuführen. Nachdem die Schule nicht mehr im Rathaus stattfand, war auch der Kirchhof kein Pausenhof mehr. Die Konfirmanden und die Jugendlichen der Christenlehre, das waren die Jahrgänge nach der Konfirmation, wurden von Pfarrer Bietz animiert, unter Anleitung seines Sohnes Wolfgang den Lehm des Kirchhofs aufzuhacken, die Steine herauszulesen und Gras anzusäen.

Es war keine leichte Arbeit, aber wie man sieht, ist es ja gelungen.

Heute ist die Hecke so groß, dass man nur vom Römerberg aus das Eingangsportal der Kirche richtig erkennen kann.



Die Aufnahme wurde von Ulrich Winter, Reichelsheim zur Verfügung gestellt.


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